ZEIT ONLINE: Herr Fischman, Russland ist bekannt für eine stark eingeschränkte Pressefreiheit. Hat sich die Lage von russischen Journalisten geändert, seit feststeht, dass die Olympischen Winterspiele in Sotschi stattfinden? 

Michael Fischman: Die Spiele haben keinen Einfluss auf die Situation der Meinungsfreiheit in Russland. Die Hauptinformationsquelle der Russen sind staatliche Fernsehsender, die keine Nachrichten verbreiten, sondern Propaganda im Sowjet-Stil. Daran hat sich seit mehr als zehn Jahren nichts geändert. Allerdings hat sich die Situation bei etablierten Medienhäusern verschlechtert, da deren Eigentümer immer mehr Selbstzensur betreiben.

ZEIT ONLINE: Warum?

Fischman: Die Wiederwahl von Wladimir Putin im vergangenen Jahr war ein klares Signal an Journalisten und Medienunternehmer, ihre Zunge zu hüten. Viele internationale Investoren, die lange Zeit ein Garant für das Überleben privater Medien in Russland waren, haben sich daraufhin zurückgezogen. Kommersant, eine der bedeutendsten russischen Zeitungen in Russland, stand beispielsweise jahrzehntelang für mehr oder weniger ehrliche Informationen. Nun ist diese Ära vorbei. Die russischen Eigentümer haben Angst vor Putin. 

ZEIT ONLINE: Wo bekommt man in Russland eine kritische Berichterstattung zu Themen wie Sotschi

Fischman: Das russische Internet ist frei, dort kann man fast alles finden, daneben gibt es kritische Radiosender wie Echo Moskwy oder private Fernsehsender wie TV Doschd. Allerdings bezweifle ich, dass selbst dort gut recherchierte, kritische Geschichten zu Sotschi publiziert werden. Das trifft aber nicht nur auf russische Medien zu, sondern auch auf ausländische. Es ist nämlich ein generelles Problem für Journalisten, in Russland an Quellen zu kommen und in einem komplett verschlossenen Areal wie Sotschi zu recherchieren.  

ZEIT ONLINE: Mit welchen Problemen sind Journalisten wie Sie im Alltag konfrontiert?

Fischman: Russland ist nicht China, es gibt keine offizielle Pressezensur. Stattdessen zensieren sich viele Medien selbst und kollaborieren mit dem Staat. Russland hat eine Regierung, die immer aggressiver wird, die innerhalb der Gesellschaft soziale Konflikte provoziert und die keine unabhängige Gesetzgebung zulässt. Hinzu kommen Korruption und die Einschränkung öffentlicher Kundgebungen, wie wir es bei Pussy Riot gesehen haben. So gesehen ist die Meinungsfreiheit nicht das Problem in Russland. Ich kann ohne Weiteres meinen Status auf Facebook posten oder meinen Fernsehbeitrag produzieren. Aber ich muss Angst haben, im Gefängnis zu landen, wenn ich auf eine Demonstration gehe.

ZEIT ONLINE: In den vergangenen Monaten haben einige Gesetze, die auch die Medien betreffen, international für Aufregung gesorgt – wie beispielsweise das Gesetz, das die "Propaganda von nicht-traditionellen sexuellen Beziehungen gegenüber Minderjährigen" unter Strafe stellt. Inwiefern beeinflussen diese Gesetze Ihre Arbeit?

Fischman: In der Praxis werden nur wenige Menschen unter diesen Paragraphen angeklagt. Ich habe beispielsweise bis jetzt nur von einem Fall gehört, wo ein Journalist wegen dem Verbot, Schimpfwörter in Medien zu benutzten, belangt wurde. Im Grunde besaß die Regierung nämlich schon vor diesen Gesetzen genügend Instrumente, um nach Belieben alles zu blockieren. Aus Sicht der Regierung ist es aber nie genug. Deshalb werden immer mehr restriktive Gesetze erlassen, die mittlerweile jeden öffentlichen Bereich betreffen.

ZEIT ONLINE: Was halten die Menschen in Russland – abseits kritischer Journalisten und Aktivisten –  von dem, was sie an Information über das staatliche Fernsehen bekommen?

Fischman: Es gibt in Russland einen gesellschaftlichen Konsens darüber, dass jeder Cent für Sotschi gestohlen wird, und dass die Gewinner nicht die Russen, sondern einzelne Unternehmer sein werden. In Umfragen zeigt sich, dass sich die Menschen über das Ausmaß der Korruption vollkommen im Klaren sind, und dass Sotschi keine Ausnahme ist. Dieses Wissen führt aber zu nichts.

ZEIT ONLINE: Das klingt so, als ob es gar keine kritische Zivilgesellschaft in Russland gäbe. Dabei gibt es durchaus auch Protestbewegungen, wie sie im vergangenen Jahr stattgefunden haben. 

Fischman: Nach wie vor sind Menschen aktiv, die um einen gesellschaftlichen Wandel kämpfen, und die verstehen, dass ihnen wenig Raum gelassen wird, um ihre Interessen zu vertreten. Das sind auch die, die Sotschi kritisieren – eben weil es nicht um Sport gehen wird. Die Mehrheit der Russen ist sich dieser Probleme ja auch bewusst. Allerdings befinden viele das Sportereignis dennoch für gut, weil sie die Olympischen Spiele als Chance für Russland sehen, und sie respektieren Putin, weil er ihnen Sotschi gegeben hat.