ZEIT ONLINE: Sie moderieren beim Privatsender TV Doschd eine Sendung, in der es um Politik und Gesellschaft geht. Der Sender gilt als liberal und ist laut Reporter ohne Grenzen kremlkritisch. Inwiefern ist ihr Programm eine Alternative zu dem, was staatlich gelenkte Sender bieten?

Fischman: Ich praktiziere eine Form des Journalismus, die ich es bei Russian Newsweek gelernt habe: Du berichtest, was du siehst, und du sagst, was du denkst. Bei TV Doschd kann ich diesen professionellen Standard vollkommen und ohne Einschränkung ausüben.

ZEIT ONLINE: Was sehen die Menschen in Ihrem Programm, was sie im staatlichen Fernsehen nicht sehen?

Fischman: Ein komplett anderes Bild. Wenn Sie heute einen staatlichen Sender einschalten würden, dann käme zunächst ein zehnminütiger Beitrag über das Olympische Feuer, das durch irgendein Dorf in Sibirien getragen wird. Dann würde etwas über Putin gesendet, wie er seine Besucher im Kreml empfängt, und am Ende ginge es vermutlich um irgendeine staatliche Initiative. In der Realität ist die Nachrichtenlage freilich eine andere: Die Greenpeace-Aktivisten wurden aus russischer Haft entlassen und Nadeschda Tolokonnikowa von Pussy Riot war für einige Wochen verschwunden. Nur selten greifen die staatliche Medien die Nachrichtenlage privater Medien auf – und wenn, dann wird das Thema aus Regierungssicht dargestellt, wie es beim Gesetz gegen das Werben für homosexuelle Beziehungen der Fall war.

ZEIT ONLINE: Dieses andere Bild können Sie ohne Einschränkung auf TV Doschd zeigen?

Fischman: Die Regierung lässt kritische Berichterstattung einfach geschehen. Der Regierung ist klar, dass es heftige negative Reaktionen gäbe, wenn sie Medien wie TV Doschd abschalten würde. Allerdings hat der Sender Probleme mit seinen Werbeeinnahmen, weil unter den Werbetreibenden Selbstzensur betrieben wird.

ZEIT ONLINE: Duldet die Regierung Medien wie TV Doschd, um zu demonstrieren, dass die Medien in Russland nicht eingeschränkt werden?  

Fischman: Dem stimme ich zu. Eine ähnliche Rolle nimmt auch Echo Moskwy ein – der Radiosender ist seit Jahren jenseits von Moskau für seine kremlkritische Berichterstattung bekannt. Dabei gehört er sogar dem staatsnahen Unternehmen Gazprom. In Russland gibt es ein Sprichwort: Dampf ablassen. Dafür sind bestimmte Medien da. Das heißt, die Regierung duldet kritische Stimmen, weil sie sie nicht für gefährlich hält, da ihre Reichweite gering ist.

ZEIT ONLINE: TV Doschd ist bekannt für seine Live-Berichterstattung von bestimmten Ereignissen. Steckt da eine Strategie dahinter? 

Fischman: Ich persönlich nehme meine Sendung immer vorab auf, weil das die Art und Weise ist, wie ich arbeite. Generell wird beim Sender aber tatsächlich großer Wert auf Live-Programme gelegt. Auf diese Weise wurde über die Proteste in Moskau 2012 und über die aktuellen Demonstrationen in der Ukraine berichtet. Sollte bei einer Live-Sendung etwas passieren – ein Demonstrant verwendet beispielsweise ein Schimpfwort in einem Interview – können Journalisten nicht belangt werden. So steht es im Gesetz. Wird der Beitrag allerdings nochmals gesendet, müssen heikle Stellen editiert werden.

ZEIT ONLINE: Bei TV Doschd wird das auch gemacht?

Fischman: Die Redaktion legt sehr großen Wert darauf, die Gesetze, so wie sie derzeit aussehen, zu befolgen.

ZEIT ONLINE: Besteht die Chance, dass die internationale Aufmerksamkeit für Sotschi in Russland etwas in Bewegung setzt?

Fischman: Journalisten machen in Russland seit Jahren ihre Arbeit – so gut es unter den herrschenden Bedingungen eben geht. Dass sich Reporter und Zivilgesellschaft nun verbünden und ihre Stimme erheben, weil sie besser gehört werden könnten, halte ich für unwahrscheinlich.