Im schlimmsten Fall reisen radikalisierte Jugendliche in Ausbildungslager von radikalen Islamisten in Nordafrika, Pakistan oder Afghanistan. Deutschen Sicherheitsbehörden zufolge fuhren außerdem bisher bereits über 200 sogenannte foreign fighters von Deutschland in den syrischen Bürgerkrieg – so viele wie aus keinem anderen europäischen Land. Acht von ihnen sollen dort gestorben sein. Wie kann es aber zu dieser Eskalation kommen? Warum wollen Jugendliche aus Deutschland den Luxus von Sicherheit und Wohlstand gegen den brutalen Kampf eines Bürgerkriegs eintauschen?
Die Werbemaschinerie ist ausgefeilt, raffiniert und zielgerichtet. Zuerst kommen die Jugendlichen meist im Internet mit der islamistischen Kriegspropaganda in Kontakt. Sie sehen verstörende Videos, in denen wehrlose Kinder abgeschlachtet werden oder davon berichten, wie sie Zeugen des Mordes an ihrer gesamten Familie wurden. Der gesamte Konflikt wird in dieser Propaganda reduziert auf einen Kampf der Ungläubigen gegen die Muslime. Der jugendliche Sinn für Gerechtigkeit macht sie empfänglich für diese Botschaft, als guter Muslim müssten sie gegen "das Böse" und für eine gerechte Welt kämpfen. Solche Propaganda arbeitet ausschließlich mit Schwarz oder Weiß, es gibt nur Opfer oder Feind.
Emotionalisierende Inhalte sprechen besonders Jugendliche an, die selbst Gewalt oder Ungerechtigkeit erlebt haben. Als Muslim identifizieren sie sich mit den unschuldigen Opfern, die ihnen präsentiert werden, sie schöpfen Hoffnung, weil sie sich im Kreis der Islamisten nicht mehr "allein gegen die Übel dieser Erde" wehren müssten. Existiert zugleich eine niedrige Gewaltschwelle oder Frustrationstoleranz, werden solche Jugendlichen leicht ansprechbar für den sogenannten Heiligen Krieg.
Im realen Leben kommt es dann zu Begegnungen mit islamistischen Predigern, die sich zum Beispiel als Sozialarbeiter ausgeben. Sie sprechen vom Bürgerkrieg in Syrien als dem Endkampf zwischen Muslimen und Ungläubigen, einer Art Armageddon, das die Weltordnung verändern werde. In diesem apokalyptisch-erlöserischen "Endgame" versprechen sie den Jugendlichen Plätze in der ersten Reihe. "Ihr dürft dabei sein, wenn die Schuldigen fallen!"
Debatte um Radikalisierung muss in die Schulen
Plötzlich werden Schulabbrecher, Arbeitslose und Perspektivlose in ihrer Fantasie zu Menschen, die Geschichte schreiben können. Endlich erhalten sie, zumindest verbal und in der ideologischen Blase, in die sie eintauchen, die Anerkennung, die sie als bildungsferne oder sozial ausgegrenzte Migranten oder vom System abgehängte Deutsche sonst vermissen.
Sie sehnen sich sogar nach dem Tod, mit dem sie mystische Visionen verbinden, denn mit dem Märtyrertod beginnt das ewige Leben im Paradies mit 72 Jungfrauen und Zugang zu allem, was sie in diesem Leben vielleicht niemals haben werden. Diese Ideologie wirkt wie eine Droge – daher fällt der Verzicht auf Alkohol, Eros und andere Genüsse so leicht.
Sie wird auch von einem Teil des muslimischen Milieus gefördert, das sich nicht mit radikalem Islamismus identifiziert, aber oft indirekt einen gewissen Respekt äußert. Die Kriegsverbrechen und Bombenattacken in Syrien werden nicht nur in zahlreichen Videos im Internet als Abenteuer romantisiert, sondern auch in den Predigten einiger Imame, die keine Islamisten sind. Das Bild eines weltweiten Kampfes gegen "die" Muslime wird auch in mancher muslimischen Organisation gepflegt. Zwar gibt es allgemeine Beteuerungen gegen Radikalisierung oder bewaffnete Gewalt. Aber um Extremisten zu bekämpfen, müssten die Verbände mehr tun, als nur den salafistischen Predigern den Zugang zu ihren Moscheen zu verwehren. Es geht vor allem darum, sich mit den salafistischen Inhalten auseinanderzusetzen, dabei auch eigene Positionen zu hinterfragen und die Jugendlichen einzubeziehen.
200 verirrte Dschihadisten aus Deutschland, die im Ausland zur Waffe greifen – das mag wenig scheinen. Doch neben ihnen gibt es mehrere Tausend Jugendliche, die von ähnlichen Pfaden träumen. Die Debatte über Radikalisierung muss deshalb gesamtgesellschaftlich geführt werden. Sie darf nicht nur im Rahmen von Sicherheitsbedenken und Integrationsdebatten stattfinden. Denn dieser Ihr-Wir-Diskurs ist neben der Perspektivlosigkeit der Jugendlichen der beste Nährboden für die Islamisten.
Außerdem müssen Sozialarbeiter und vor allem Lehrer sensibilisiert und aufgeklärt werden. Nur so werden sie in der Lage sein, früh Radikalisierungstendenzen zu erkennen und rasch zu intervenieren. Sie könnten ihren Schülern Alternativen zeigen und sie zum kritischen Denken bewegen. Denn wer zum Beispiel einmal gelernt hat, eine eigene Position zu hinterfragen, ist weitaus besser immunisiert gegen Extremisten, die blinde Nachfolge und bloßes Nachbeten verlangen. Dafür aber braucht es mehr, als politischen Willen. Es braucht Geld, Mittel für Fortbildung und dauerhaftes Engagement. Mit halbherzigen Kurzzeitprojekten ist kein Jugendlicher zu retten.
Im schlimmsten Fall reisen radikalisierte Jugendliche in Ausbildungslager von radikalen Islamisten in Nordafrika, Pakistan oder Afghanistan. Deutschen Sicherheitsbehörden zufolge fuhren außerdem bisher bereits über 200 sogenannte foreign fighters von Deutschland in den syrischen Bürgerkrieg – so viele wie aus keinem anderen europäischen Land. Acht von ihnen sollen dort gestorben sein. Wie kann es aber zu dieser Eskalation kommen? Warum wollen Jugendliche aus Deutschland den Luxus von Sicherheit und Wohlstand gegen den brutalen Kampf eines Bürgerkriegs eintauschen?