Um kurz nach sieben Uhr morgens, als die Sonne mit ihren ersten Strahlen die Pfützen in Jerusalems Altstadt trocknet, tönen Frauenstimmen über den Platz vor der Klagemauer.

Etwa hundert Frauen singen laut, preisen Gott, wie an jedem ersten Tag im Monat des jüdischen Kalenders, dem Rosh Hodesh. Sie gehören zur Organisation Neshot Hakotel – Women of the Wall. Genau 25 Jahre haben sie darum gekämpft, hier am heiligsten Ort der Juden ihre Stimmen zum Gesang zu erheben und dabei Gebetsschals, Gebetsriemen und Kippas tragen zu dürfen. Der Rabbiner der Klagemauer Shmuel Rabinovitch hatte es den Frauen lange Zeit verboten.

Nach einem Vierteljahrhundert ist es ihnen endlich erlaubt. Moshe Sobel, Richter am Bezirksgericht in Jerusalem hat im April entschieden, das Tragen eines Gebetsschals und das Singen sei kein Verstoß gegen "lokale Gepflogenheiten".

Die 18-jährige Hallel Abramowitz-Silverman muss heute keine Angst mehr haben, verhaftet zu werden, weil sie sich und ihrer jüngeren Schwester an diesem Morgen einen Gebetsschal um die Schultern legt. Noch zu Beginn des Jahres wurde Hallel, die Nichte der US-amerikanischen Komikerin Sarah Silverman, zusammen mit ihrer Mutter Susan dafür abgeführt. "Für mich ist es absolut lächerlich, dass Frauen hier keinen Gebetsschal tragen durften. Meine Mutter ist Rabbinerin, ich bin damit aufgewachsen", sagt sie. "Deswegen habe ich mich der Gruppe angeschlossen, auch wenn es manchmal unheimlich ist." 

Die andächtige Atmosphäre wird gestört

Hallel und ihre Schwester stimmen ein in den Gesang der Vorbeterin, die auf einem kleinen Podest inmitten der Frauenmenge steht. Die Frauen versuchen, eine andächtige Atmosphäre zu schaffen. Aber die Männer machen es ihnen schwer. Denn sie drehen ihre Lautsprecher auf, sodass die Stimmen der betenden Männer die der Frauen übertönen. Vor dem Gerichtsurteil gab es gar keine Lautsprecher an der Klagemauer.

Der Platz vor der Mauer ist nach Geschlechtern getrennt. Die Seite der Frauen ist bis auf den letzten Zentimeter gefüllt. Sie stehen so eng beisammen, dass auf jede Bewegung ein Ruck durch die Menge folgt. Polizeibeamte in blauen Uniformen bilden einen Kreis um die Women of the Wall.

Vor ein paar Monaten noch verhafteten sie die Frauen an der Klagemauer. Heute beschützen sie sie. Denn trotz des Gerichtsurteils haben die Women of the Wall keine Ruhe. Viele orthodoxe und ultraorthodoxe Juden verhöhnen sie. Würde es nach ihnen gehen, sollten Frauen zum Gebet nur still ihre Lippen bewegen, um die Männer mit ihren bezirzenden Stimmen nicht abzulenken. Sie sollten dunkel gekleidet sein und so wenig Haut wie möglich zeigen. Gebetsutensilien sind ihrer Ansicht nach den Männern vorbehalten. Der Gebetsschal zum Beispiel, Tallit genannt, oder der Tefillin, der Gebetsriemen, der um den Arm gewickelt wird.