Als die Ermittler im November 2011 durch die niedergebrannte Wohnung von Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt stapften, stießen sie nicht nur auf Waffen, Schwarzpulver und Geld. Sie interessierten sich vor allem für Namen – einen fanden sie immer wieder zwischen den Schuttresten: Silvia R.

Der Schriftzug war zu lesen auf einem Bibliotheksausweis, einer Baumarkt-Kundenkarte, einem Brillenpass. Und auf einer Krankenkassenkarte. Die Polizisten machten die Frau schnell ausfindig: Sie wohnte in Hannover, hieß mittlerweile Silvia S. und trug an der Mordserie an zehn Menschen vermutlich keine Schuld. Trotzdem hat die 33-jährige Friseurin heute mit dem NSU-Prozess zu tun; sie ist als Zeugin geladen.

S. ist keine Unbeteiligte, die durch Zufall in das Verfahren hineingezogen wurde. Sie hat sich hineinziehen lassen, als sie die Krankenkassenkarte ihrem Bekannten Holger G. für 300 Euro verkaufte. G. sitzt heute als einer der fünf Angeklagten im Gerichtssaal. Er soll den NSU unterstützt haben – unter anderem mit der Karte, die Beate Zschäpe einen anonymen Arztbesuch ermöglichte.

Eigentlich sollten am 54. Prozesstag zwei Zeugen aussagen, von denen sich die Prozessbeteiligten Informationen zu den Anfängen der Gruppe im Untergrund erhoffen: eine Freundin der drei aus der rechten Szene um 11 Uhr und drei Stunden später Brigitte Böhnhardt, die Mutter von Uwe Böhnhardt. Dazu kommt es nicht. Die Befragung von Silvia S. nimmt den größten Teil der Sitzung in Anspruch, die anderen Ladungen werden verschoben – die Vernehmung der Zeugin Silvia S. dauert mehr als fünf Stunden.

Sie antwortet auf fast alle Fragen gleich: "Ich weiß es nicht." Wieso sie blindlings ein wichtiges persönliches Dokument hergab, was wohl ein Mann mit ihrer Karte anfangen könnte – alles Fragen, die sie nach eigener Aussage nie interessiert hatten.

Die Übergabe fand offenbar um das Jahr 2005 herum statt. S. und ihr Mann Alexander, der ebenfalls aussagen wird, trafen ihren Kumpel Holger G., einen Arbeitsfreund des Ehemanns. Es gab Alkohol, "vielleicht haben wir auch einen geraucht", erzählt S. Irgendwann fragte G., ob jemand eine Krankenkassenkarte habe, es werde schon "kein Scheiß" damit passieren.

Ein Glücksfall für die Untergetauchten

Silvia S. überlegte nicht lange, als G. ihr 300 Euro für ihre Karte bot. "Ich habe in dem Moment nur das Geld gesehen. Ich bin eine arme Friseurin", sagt S. "Haben Sie denn nicht gefragt, was er damit will?", erkundigt sich Richter Manfred Götzl. Die Zeugin verneint. "Warum?" – "Weil mich das nicht interessiert hat." – "Was haben Sie sich denn vorgestellt?" – "Gar nichts."

Silvia S. war ein Glücksfall für die Untergetauchten. Eine, die keine Fragen stellte und für ein Taschengeld zu einem Gefallen bereit war. Denn wie hätten Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt ihre klandestinen Bedürfnisse plausibel erklären können? Sie waren auf unkomplizierte Hilfe angewiesen.

Ob S. tatsächlich so unkritisch war oder ihre Tat im Prozess herunterspielt, wird an diesem Tag nicht abschließend geklärt. Doch wiegt der Verdacht gegen sie schwer: Akzeptierte sie das ungewöhnliche Angebot von Holger G., weil sie mit der rechten Szene sympathisierte?