Als sich Brigitte Böhnhardt an den Tisch für die Zeugen setzt, nimmt sie die Haltung ein, die sie den ganzen Tag durchhalten wird: den Rücken kerzengerade durchgedrückt, die Hände auf der Tischplatte gefaltet. Die 65-Jährige ist eine kleine Frau mit sparsamen Gesten, aber einer deutlichen Stimme. Sie schaut kurz zu Beate Zschäpe hinüber, der Frau, die ihren Sohn mindestens ähnlich gut kannte wie sie selbst: Uwe Böhnhardt, Mitglied des NSU, mutmaßlich für den Mord an zehn Menschen verantwortlich, gestorben mit 34 Jahren an der Seite von Uwe Mundlos.

Zschäpe schaut erst zur Seite. Kurz darauf klappt sie ihren Laptop zu, was sie sonst nie tut. Und sie hört zu. Konzentriert. Fast angestrengt. Sie scheint kein Wort verpassen zu wollen.

Es ist der 57. Verhandlungstag im NSU-Prozess, Brigitte Böhnhardt soll als Zeugin das Leben ihres Sohnes rekapitulieren. Ein Tag reicht dazu nicht aus, am Mittwoch soll sie erneut in den Zeugenstand treten. Richter Manfred Götzl bittet die Frau mit der blonden Kurzhaarfrisur und der roten Strickjacke, zu schildern, wie Uwe aufwuchs. Doch deswegen ist Frau Böhnhardt nicht gekommen. Sie will einen Schuldigen für Uwes Schicksal finden. Wer hat zu verantworten, dass der Sohn einer Lehrerin und eines Ingenieurs in die rechte Szene abrutschte, mutmaßlich zum Mörder wurde und später durch Suizid starb?

Vielleicht sind die Schulen schuld. "Ein aufgewecktes Kerlchen" sei Uwe gewesen, der jüngste von drei Brüdern, "geliebt von allen". Der mit der Schule allerdings nichts anfangen konnte: Zweimal blieb er sitzen, nach der Wende kam die Schulreform in den neuen Bundesländern – für Mutter Böhnhardt ein verkorkstes Konzept, durch das für Uwe alles noch schlimmer geworden sei. Der Junge begann zu schwänzen. Mutter und Sohn tingelten zwischen Schulamt, Jugendamt, Kinderheim und Förderschule – keiner habe helfen können. Er machte keinen Abschluss, nach einer Maurerlehre war er die meiste Zeit arbeitslos. 

Er fand Freunde, denen es ähnlich ging: die Beate und den Uwe (Mundlos) zum Beispiel, so nennt Frau Böhnhardt sie noch heute. Als die Wohnung der Böhnhardts renoviert wurde, zog er vorübergehend bei Beate ein – "ich bin ihr noch heute dankbar". Auch wenn sie längst geahnt haben musste, dass mit dem Sohn und seinem Umfeld etwas nicht stimmte. Er wurde kriminell, 1993 landete er zum ersten Mal in Jugendhaft. Die Vorwürfe lauteten Diebstahl, Fahren ohne Fahrerlaubnis und Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte.

Immer wieder musste Böhnhardt mit dem Sohn vor Gericht, unter anderem, weil er rechtsextremes Propagandamaterial verbreitet hatte. 1997 verurteilte ihn ein Richter zu zwei Jahren und drei Monaten, die Strafe sollte erst später vollstreckt werden. Dazu kam es jedoch nie.
Vielleicht ist die Polizei schuld. Am 26. Januar 1998 durchsuchten Ermittler Wohnungen und Garagen der Böhnhardts und von Beate Zschäpe. Es war nicht das erste Mal, dass die Polizisten vorbeikamen. Die Mutter ist sich bis heute sicher, dass die Ermittler vor früheren Durchsuchungen heimlich in ihrer Wohnung waren. "Da haben sie vielleicht die Dinge versteckt, die sie später gefunden haben – bei den offiziellen Durchsuchungen", sagt sie.

Böhnhardt hat eine Schutzhaltung eingenommen. Sie stellt eine Mischung aus Wut und Erklärungen zur Schau. Nachdem sie im Juni vor dem Thüringer Untersuchungsausschuss ausgesagt hatte, waren ihre Worte durch die Presse gegangen, "tausendfach durchs Internet gehetzt" worden, wie sie sagt. Sie ist es offenbar leid, sich für die Verbrechen ihres Sohns rechtfertigen zu müssen. Die Opfer des NSU erwähnt sie an diesem Tag mit keinem Wort.