Warum wurde aus der netten, schlagfertigen Beate Zschäpe die mutmaßliche Rechtsterroristin? Wie konnte sie einen Hass entwickeln, der so stark war, dass er den Mord an zehn Menschen antrieb? Die Frau, die auf diese Frage zumindest Hinweise geben könnte, wartet um kurz nach 13 Uhr vor Prozesssaal A101 in München.

Richter Manfred Götzl ruft Annerose Zschäpe auf, Mutter der Hauptangeklagten im NSU-Prozess. Beate Zschäpe klappt ihren Laptop zu, rückt ein Stück auf ihrem Stuhl zurück und verschränkt die Arme. Die Mutter kommt herein, eine auffällig kleine Frau mit blassem Gesicht neben ihrem bulligen Anwalt Daniel Armelung. Die Angeklagte sieht kurz hin, dann wendet sie sich ihrem Verteidiger Wolfgang Heer zu.

Über Mutter Zschäpe, 61 Jahre, studierte Zahnmedizinerin und Ökonomin rumänischer Abstammung, ist nur wenig bekannt. Knapp zwei Wochen nach dem Auffliegen des NSU wurde sie von der Polizei vernommen, in den Medien äußert sie sich bis heute nicht. Entsprechend groß sind die Erwartungen an die Zeugin: Sie, die in der Anklageschrift in 15 Fußnoten zitiert wird, könnte dem Prozess als Schlüssel zur Vergangenheit der Angeklagten dienen.

Zschäpe schaut nur kurz der Mutter hinterher

Götzl belehrt die Zeugin, dass sie als Mutter nicht aussagen müsse. Zschäpe lehnt mit einem knappen "Nein" ab. Auch das Protokoll ihrer Vernehmung darf nicht in den Prozess eingeführt werden, bestimmt sie. Damit ist alles geregelt. Die Mutter geht, ohne einen Blick auf ihre Tochter geworfen zu haben. Anwalt Heer lächelt, seine Mandantin schaut noch kurz der Mutter hinterher. Zwei Minuten und 22 Sekunden lang war die Zeugin im Raum.

Zschäpe, die im Prozess selbst nichts sagt, muss das Schweigen der Mutter sehr schätzen. In dieser Phase, da der Prozess die Geschichte der Terrorzelle ausleuchtet, behandelt das Gericht auch immer wieder private, ja intime Details der Angeklagten. Kaum ein Prozesstag in den vergangenen Wochen, in dem nicht wenigstens beiläufig ihre Operation am Unterleib vor einigen Jahren zur Sprache kam. Götzl und vor allem die Nebenkläger wollen mit den peniblen Nachforschungen die Lücke füllen, die Zschäpes Aussageverweigerung hinterlassen hat.

Am 61. Prozesstag hat das Gericht deshalb einen weiteren Verwandten geladen: Zschäpes Cousin Stefan A., der seit acht Jahren als Handwerker auf Mallorca lebt. Er wuchs bei seinen Eltern im Norden von Jena auf. "Sie ließ sich nicht über den Mund fahren oder veralbern", sagt der 39-Jährige. Zschäpe habe mehr Freundschaften zu Männern als zu Frauen gepflegt. 

Ihren Cousin sah sie regelmäßig – auch als dieser nach der Wende Kontakte in Jenas rechtsextreme Szene knüpfte. Was dort passierte, damit mag A. vor Gericht nicht so recht herausrücken. Viele Wörter vernuschelt er, immer wieder muss Götzl ihn bitten, seine einsilbigen Antworten zu ergänzen. Für den Zeugen ist es keine angenehme Aussage.