Als die ersten Meldungen über den Taifun Haiyan eintrafen, waren wir auf Sangat Island, einer kleinen philippinischen Insel vor Busuanga im Norden Palawans. Weiße Strände, türkisfarbenes Wasser, Hängematte vor dem Bungalow – einfach traumhaft. Die Sorge vor dem Sturm war bei den meisten Einheimischen eher gering. Man ging davon aus, dass er noch deutlich abschwächen würde. Stattdessen wurde er immer heftiger.

Da es in Manila schon Unwetter gab, konnten wir nicht mehr aus der Region heraus fliegen. Unser Flug wurde auf dem Weg zum Flughafen storniert. Wir suchten uns dann Freitag früh in Coron, auf das Haiyan abends treffen sollte, eines der wenigen massiv gebauten Hotels und hielten uns mit CNN und Twitter auf dem Laufenden.

Gegen 18 Uhr setzten Wind und Regen ein. Um 20 Uhr gab es plötzlich eine starke Böe, Äste brachen wie Streichhölzer und wirbelten zusammen mit Dachschindeln durch die Luft. Binnen weniger Minuten brach das Chaos aus. Wind und Regen wurden immer heftiger, große Glasflächen zerbrachen, Gegenstände flogen wild durch die Gegend, Wasser peitschte durch die Gänge.

Wir verschanzten uns in unserem Zimmer, zogen die Vorhänge zu, stellten Möbel vor das Fenster und deponierten unser Gepäck griffbereit im Bad. Draußen war es unglaublich laut, der Wind heulte, Teile des Daches brachen ein, und das Hotelpersonal musste immer wieder Zimmer evakuieren. TV und Internet gingen irgendwann nicht mehr – die Satellitenschüsseln waren weggefegt. Nach etwa 90 Minuten wurde es plötzlich still – und dann ging es erst richtig los. Der Wind hatte um 180 Grad gedreht und traf nun über die Bucht frontal auf Coron. Wie wir später erfuhren, wurden dabei die Boote im Hafen senkrecht in die Höhe gehoben und schossen dann wirbelnd auf andere Boote und Hütten. Zwischen 23 Uhr und Mitternacht war der Spuk vorbei.

Kommunikation ist zum raren Gut geworden

Am nächsten Morgen zeigte sich ein Bild der Verwüstung. Teile des Daches waren eingebrochen, das Poolhaus fehlte, und überall lagen Äste und Scherben. Die Gegend um das Hotel herum sieht aus, als sei ein riesiger Rasenmäher darübergefahren. Die wenigen Bäume, die noch stehen, haben fast keine Äste mehr. Häuser, Hütten und Fahrzeuge sind unter umgestürzten Bäumen begraben, viele Straßen sind unpassierbar und der Flughafen mehrere Tage nicht betriebsfähig. Es gibt keinen Strom und kein Telefon, das Trinkwasser wird knapp, und überall werden Medikamente gebraucht. Einer von zwei Mobilfunkmasten ist weggeflogen, sodass nur noch ein Netz funktioniert (vergleichbar mit einem Wegfall von T-Mobile oder Vodafone). Es ist sehr schwer, an Informationen zu kommen; Kommunikation ist zum raren Gut geworden. Wie lange bleibt der Flughafen geschlossen? Wird das Militär die Touristen ausfliegen? Ist das Grundwasser kontaminiert? Werden die Opfer versorgt?

Die meisten Menschen leben in einfachen Bambushütten, häufig direkt am oder über dem Wasser. Die Wenigsten hatten das Glück und die Möglichkeit, sich in gemauerten Häusern in Sicherheit zu bringen. An der Küste und auf den vielen Inseln wurden ganze Dörfer weggefegt. Hütten und Fischerboote sind zerstört, Frischwasser und Nahrung sind knapp, es gibt unzählige Tote und Vermisste.

"Nur ein Lachen bringt etwas Licht in den Tag"

Dennoch sieht man überall freundliche und optimistische Gesichter. "Was sollen wir tun? Nur ein Lachen bringt etwas Licht in den Tag", sagt mir ein Betroffener. Alle packen an, räumen weg und bauen auf. Viele Ressorts und lokale Touranbieter organisieren Hilfsaktionen und -transporte, auch Touristen beteiligen sich an den Arbeiten. Schon jetzt, nach nur wenigen Tagen, scheint in Coron an den Hauptstraßen das Gröbste beseitigt. Wenn man mit den Leuten ins Gespräch kommt, merkt man aber doch, wie tief der Schrecken und die Verzweiflung sitzen. Viele haben alles verloren.

Die Unterstützung von Regierung und Hilfsorganisationen kommt primär dem Osten des Landes zu, wo Taifun Haiyan das erste Mal auf Land traf. Im Westen kümmern sich die lokalen Behörden in erster Linie um die Hauptinseln. Es wird wohl Wochen dauern, bis sich "offiziell" jemand der vielen kleinen Inseln annehmen kann.