Im 12. Stock eines Gebäudes in der Innenstadt von Rio de Janeiro, einem hässlichen Kastenbau mit röhrenden Klimaanlagen vor den Fenstern, ist das Büro von Senhor Valmir. Ein Schild an der Tür verspricht, dass man hier "Hilfestellungen kommerzieller und juristischer Natur" geboten bekomme, vielerlei Art, und drinnen, gleich hinter der Tür, sitzt ein kleiner älterer Herr mit einem grauweißen Bart. Er stellt sich als der Empfangssekretär von Senhor Valmir vor, steht freudig auf und geleitet die neue Kundschaft zum Chef.

Das alles wirkt ein wenig aufwändig. Senhor Valmir sitzt nämlich gleich dahinter und erweist sich als ein weiterer Herr im besten Alter, mit kurz gestutzten grauen Haaren und in unauffälliger braun-beiger Geschäftskleidung. Man schaut sich um und sieht, dass die Effizienz in diesem kleinen Büro regiert: Berge von Akten liegen penibel gestapelt in den Schränken, der Fotokopierer ist nach dem Gesetz der kürzesten Wege genau in der Mitte des Raumes positioniert, und auch Senhor Valmir verwendet selber nur die allernötigste Zeit auf Smalltalk. "Ja, sehr schön, Sie sind aus Deutschland, setzen Sie sich", sagt er. "Ich kenne viele Deutsche, gute Leute, die Deutschen. Wie kann ich Ihnen helfen?

Senhor Valmir, es geht um das knifflige Problem, einen deutschen Führerschein in einen brasilianischen Führerschein umzutauschen. Mit der deutschen Fahrerlaubnis allein darf man hier nämlich nur für kurze Zeit herumfahren, und deshalb soll nun Senhor Valmir helfen. Der Mann ist von Beruf ein Despachante, eine Institution des brasilianischen Lebens im Umgang mit der Bürokratie. Despachantes sind keine Anwälte, erst recht keine Amtspersonen, und viele von ihnen haben nicht einmal irgend eine formelle Qualifikation. Sie kennen sich aber sehr gut aus mit Ämtern, mit Amtsinhabern und Amtsvorgängen.

Manche zahlen Trinkgelder an Beamte

Despachanten, so haben länger ansässige Kollegen es dem Strandreporter im Vorfeld erklärt, müsse man unbedingt anheuern, um Probleme mit der Obrigkeit zu lösen; um nicht Wochen oder Monate lang mit einem Problem festzustecken; um nicht von einer butterweichen unverbindlichen Auskunft zur nächsten zu eilen, quer durch die Stadt geschickt zu werden und immer wieder das Gefühl zu haben, es solle Geld aus einem herausgepresst werden. 

Despachanten hingegen schlügen Schneisen durch die Behördendschungel, sie schafften wieder Verlässlichkeit und Planungssicherheit. Manche zahlen auf Wunsch sogar Trinkgelder an Beamte aus, damit diese erst recht zügig und konzentriert arbeiten, aber das sind die schwarzen Schafe, und so einer ist Senhor Valmir nicht.

Senhor Valmir, wie machen wir es jetzt mit dem Führerschein? "Rio de Janeiro ist ein Ort, an dem Ihr deutscher Führerschein einbehalten wird, wenn Sie Ihren brasilianischen beantragen", erläutert der und schüttelt traurig den Kopf. "Das ist natürlich sehr ungünstig, weil Sie dann womöglich einige Zeit lang überhaupt keine Fahrerlaubnis haben." Er hat sich den deutschen Führerschein seines Besuchers geschnappt, steht am Fotokopierer und lichtet ihn mit liebevoller Gründlichkeit ab (es dauert 7 Minuten). "Und danach schicken die Behörden Ihren Führerschein an das Straßenverkehrsamt in Ihrem Heimatland."

Senhor Valmir, das ist ja schrecklich, dann sehe ich meinen deutschen Führerschein doch niemals wieder? "Unwahrscheinlich", kommentiert der. Er kommt wieder an den Besprechungstisch zurück, er ist fertig mit Fotokopieren.