"Bischof für das Volk" steht auf dem goldenen Ring, den Franz-Josef Overbeck trägt. Der 49-Jährige ist der Jüngste im deutschen Episkopat. Overbeck entstammt einer Schnapsbrenner-Dynastie aus der Ruhrgebietsstadt Marl, einer traditionell katholischen Familie, wie er sagt. Er studierte Theologie in Münster und Rom, 1989 weihte ihn Joseph Ratzinger in Rom zum Priester. Nach seiner Zeit als Kaplan in Haltern ging Overbeck zurück nach Münster, zunächst als Domvikar, dann als Leiter des Instituts für Diakonat und pastorale Dienste, schließlich wurde er Weihbischof. Papst Benedikt XVI. ernannte ihn 2009 zum Bischof von Essen. Bundesweit bekannt wurde Franz-Josef Overbeck, als er in der Talkshow "Anne Will" im April 2010 Homosexualität als Sünde bezeichnete. Er relativierte die Äußerung später: "Es wäre klüger gewesen, in dieser angespannten Stimmung von ausgelebter Sexualität zu sprechen. Das wäre dem Glauben der Kirche entsprechender gewesen. Denn nicht die Veranlagung ist Sünde", sagte er in einem Interview.

Das Bistum Essen ist flächenmäßig das kleinste in Deutschland. Auf knapp 1.900 Quadratkilometern leben gut 840.000 Katholiken, jeder dritte Einwohner der Region ist katholisch. Den Strukturwandel im Ruhrgebiet bekommen auch die Kirchen zu spüren, Gotteshäuser werden geschlossen und Sparpläne durchgesetzt. Derzeit beteiligt der Bischof die Gläubigen an der Planung: "Zukunftsbild. Du bewegst Kirche" heißt die Initiative. Franziskus würde das urbane Umfeld seines Namensvetters Franz-Josef vermutlich gefallen: Overbecks Bischofshaus liegt im Zentrum von Essen, unweit des Jobcenters. Der Weg vom Bahnhof dorthin führt an zahlreichen Leihhäusern vorbei. Dort liegen Goldkreuze zwar immer noch im Schaufenster, sie sind aber gerade stark heruntergesetzt.

Christ & Welt: Ist es gerade schön, Bischof zu sein?

Franz-Josef Overbeck: Es wird immer schöner! Ich bin jetzt seit vier Jahren Bischof von Essen und sehe genug Möglichkeiten, dieses Amt neu zu füllen.

C & W: Nach Limburg muss man es wohl neu füllen.

Overbeck: Das sehe ich anders. Ich habe für mich schon lange vor den Ereignissen in Limburg einen Anspruch für das Bischofsamt definiert, hinter den ich nicht zurückfallen will. Das betrifft die Transparenz der Entscheidungen, und das betrifft auch die Angemessenheit des Lebensstils. Das bischöfliche Amt steht unter verschärfter öffentlicher Beobachtung, das halte ich für richtig.

C & W: Hat der Bischof von Limburg diesen Wandel nicht bemerkt?

Overbeck: Die Verhältnisse haben sich geändert und deshalb auch die Vorstellungen von Verhältnismäßigkeit. Ein Bischof muss so handeln, dass die meisten der Gläubigen mitgehen können. Entscheidungen müssen nicht nur transparent, sondern auch nachvollziehbar sein.

C & W: Könnten Sie sich vorstellen, dass Franz-Peter Tebartz-van Elst nach Limburg zurückkehrt?

Overbeck: Es gibt Leute, die es hoffen, und solche, die es nicht hoffen.

C & W: Zu welchen gehören Sie?

Overbeck: Die Entscheidung liegt beim Heiligen Vater, da ist sie gut aufgehoben.

C & W: Die Zeit barocker Bischöfe ist vorbei, hören wir aus Ihren Worten. Aber auch Sie leiten absolutistisch Ihr Amt von Gott her.

Overbeck: Ich fühle mich von Gott berufen. Das gehört zum bischöflichen Selbstverständnis. Mit Absolutismus hat das nichts zu tun.

C & W: Wankt nicht manchmal das Gottvertrauen? Bei Ihnen wurde vor zehn Jahren Krebs diagnostiziert.

Overbeck: Es war eine große persönliche Krise, ich war ja erst 38, als ich die Diagnose bekam. Natürlich habe ich zunächst mit Gott gehadert. Am Ende hat es meinen Glauben gestärkt und mich als Person relativiert. Ich sehe jetzt alles viel stärker unter der Gerichtsperspektive. Ich frage mich: Hast du so gehandelt, dass du es vor Gott verantworten kannst und dass es zum Wohl der Menschen war? Diese Frage bestimmt seitdem mein Leben. Die Gerichtsperspektive macht sehr unabhängig und gelassen. Ich bin seitdem viel freier und habe keine Angst, vor nichts und niemandem.

C & W: Das klingt wie eine Bewerbung für den Vorsitz der Deutschen Bischofskonferenz.

Overbeck: Ich bewerbe mich um kein Amt.

C & W: Sind Sie ehrgeizig?

Overbeck: Ich bin ein Mensch mit Zielen, ich möchte meine Talente und Gaben nutzen. Leitungsfunktionen haben mich immer gereizt.