Papst Franziskus wird viel gelobt, auch im Blick auf das am 24. November unterzeichnete Schreiben "Evangelii gaudium". Aber dies betrifft weitgehend die Ausführungen zur Reform der Kirche, die man fast ausschließlich als Thema betrachtete. Die "Kapitalismuskritik" wurde gelegentlich noch erwähnt. Manchmal wurde der Papst deswegen geradezu beschimpft: Er verurteile damit die Reichen, er stelle sich nicht hinter das Privateigentum, verkenne die indirekten positiven Segnungen des Kapitalismus (wie jüngst in China) und sei zu sehr geleitet von der jüngsten katastrophalen Wirtschaftsgeschichte Argentiniens.

In der Tat sind die negativen Akzente des Schreibens in der Beurteilung des modernen Wirtschaftssystems, das eine immer größere Schere zwischen Arm und Reich und geradezu einen Ausschluss der Armen aus der Gesellschaft mit sich bringe, sehr eindeutig, zum Beispiel "Diese Wirtschaft tötet". Kein Wunder, dass auf solche und andere Sätze hin zurückgezahlt wird, zum Beispiel mit dem Hinweis, das Unverständnis für Reichtum und Eigentum sei ja schon im Neuen Testament und in der ganzen Geschichte des Christentums offenkundig. Die Kritiker ihrerseits vergessen nicht, gebetsmühlenartig auf die immense Produktivität der Märkte hinzuweisen, die auch die soziale Sicherheit in hohem Maß gewährleiste.

Wenn Papst Franziskus zur harschen Kritik des kapitalistischen Wirtschaftssystems ansetzt, wäre es wahrscheinlich gut gewesen, die überaus kritische Haltung der katholischen Soziallehre zum Kapitalismus in den verschiedenen Wandlungen der Wirtschaftsgeschichte, aber auch der kirchlichen Verlautbarungen seit der ersten Sozialenzyklika 1891 im Kontext des neuen Schreibens stärker zu betonen.

In Deutschland wird dies meist etwas abgemildert. Weder in den Wirtschaftswissenschaften noch in der kirchlichen Sozialverkündigung gibt es einen ungeschichtlichen Begriff von Kapital beziehungsweise Kapitalismus: Man bezeichnet damit zum Beispiel einen Gegensatz zwischen der Masse der besitzlosen Armen und der kleinen Gruppe Wohlhabender, in deren Händen sich das Kapital konzentriere; man sieht kritisch die Zusammenballung von Kapital und wirtschaftlicher Macht als Resultat einer uneingeschränkten Wettbewerbsfreiheit; so komme es zu einem gnadenlosen Machtkampf innerhalb der Wirtschaft, aber auch der Staaten untereinander; dies münde in einen "Imperialismus des internationalen Finanzkapitals" (so Pius XI. 1931!); man verweist auf die Formen der Ausgrenzung, Ausbeutung und Unterdrückung in den Entwicklungsländern und der menschlichen Entfremdung in den Industrieländern.

Es fällt auf, dass "Evangelii gaudium" nur an wenigen Stellen die Sozialenzykliken anführt, wenigstens im Vergleich zu den übrigen reichlich angeführten Quellen und Zeugnissen. So entsteht bei den überaus pointierten Aussagen ("weil das gesellschaftliche und wirtschaftliche System an der Wurzel ungerecht ist") zum modernen Wirtschaftssystem der Eindruck, man kenne nur einen Manchester-Kapitalismus, der in grober Weise für uneingeschränkten Freihandel eintritt.

"Evangelii gaudium" lässt sich aber nicht auf eine wohlfeile und relativ billige Kapitalismuskritik reduzieren. Der Text kennt auch durchaus "noble" Fortschritte und Verbesserungen des sozialen Zusammenlebens der Menschen. Aber er geht mit bestimmten Tendenzen unserer Gesellschaften sehr deutlich ins Gericht: Es gibt eine steigende Ungleichheit in der Verteilung der Güter; die Wohlstandskultur betäubt; oft wird das Geld vergöttert; es gibt eine "absolute Autonomie der Märkte"; die Finanzspekulation verstärkt dies alles; eine Gier nach Macht und Geld ist unverkennbar; wir leben in einer "Wegwerfkultur", in der ein außerordentlicher Konsumdruck vorherrscht; die Vernichtung von vielen Nahrungsmitteln, eine auch in fortgeschrittenen Ländern bestehende Korruption und eine hohe Steuerhinterziehung werden genannt. So ist es für Papst Franziskus auch ein Skandal, wie viele Menschen aus einer solchen Welt ausgeschlossen werden und als "Abfall" gelten. "Ausschluss" ist ein Schlüsselwort des neuen Schreibens. Kein Wunder, dass in diesen Bereichen auch jede Ethik als unvereinbar abgelehnt wird.

Es geht dem Apostolischen Schreiben, das sich bewusst nicht eigens sozialen Fragen zuwendet, also keineswegs nur um die missionarische Erneuerung einer auf sich selbst konzentrierten Kirche, nicht um eine akademische Kapitalismuskritik, sondern es legt überaus deutlich den Finger auf entartete Entwicklungen und Schädigungen in unserem Sozialsystem. Es ist erstaunlich, dass man mancherorts und von allen Seiten her über diese Ausführungen hinwegliest.