Frage: Herr Mann, Sie kritisieren den bei allen beliebten Papst Franziskus. Was macht er falsch?

Frido Mann: Er legt das Gewicht zu sehr auf Äußerlichkeiten: einfache Kleidung, Straßenschuhe, ein altes Auto. Immerhin hat er wie noch kein Papst betont, dass der Platz der Christen bei Armen und Kranken ist. Da spricht er aus, was Jesus wollte. Man gewinnt daraus den Eindruck, er sei auch bei der Lehre und der Organisation der Kirche reformfreudig. Doch davon sehe ich nichts. Es ist, als ob er nur bestimmte Dinge anleuchtet. Darum herum bleiben Schatten.

Frage: Wo sehen Sie Schatten?

Mann: Franziskus zeigt auch, worüber er nicht sprechen und was er nicht tun will: Er tastet die Lehre nicht an. Ein neuer Johannes XXIII. ist er jedenfalls nicht. Johannes hat ein Konzil einberufen. Er hat etwas gewagt. Bei Franziskus sehe ich noch kein Wagnis. Er müsste sich zu den Aussagen der Bibel stellen, dem Prunk des Vatikans eine Absage erteilen. Manchmal tut er, als räumte er in erstarrten Strukturen auf. Da überlagern tausend historisch gewachsene Gewohnheiten den Kern der christlichen Botschaft.

Frage: Zum Beispiel?

Mann: Zum Beispiel beim Zölibat. Er ist erst halb so alt wie die Kirche. Oder bei der Diskriminierung der Frau, die in allen monotheistischen Religionen vorhanden ist. Das müsste er angehen, denn beide haben keine theologische Begründung.

Frage: Sie waren bis 2009 Katholik. Katholiken sind ihrer Kirche generell treuer als Protestanten ihrer. War das bei Ihnen auch so?

Mann: Die katholische Kirche fordert mehr Verbindlichkeit. Sie bindet einen an den Papst. Auch die Liturgie ist festgelegt, sie nimmt einen ein. Der evangelische Glaube ist karg. Er spart an Bildern und Gerüchen. Auf diese Weise wird man als Katholik schon in einem gewissen Sinn abhängig.

Frage: Wie kann der Papst eine solche Kirche, die einen abhängig macht und hohe Bindungen erzeugt, reformieren, ohne ihre Substanz zu opfern?

Mann: Selbst wenn der Papst es wollte oder könnte, wäre noch die Frage: Geht es überhaupt? Die katholische Kirche ist so festgefahren, dass ich gar nicht wüsste, wo Reformen ansetzen sollten.

Frage: Braucht es eine neue Reformation?

Mann: Im Grunde ja. Die Reduktion der katholischen Kirche auf die Schrift wäre die erste Voraussetzung, dass diese Kirche Kirche bleiben kann. Die Reformation muss aber weitergehen. Dann wird etwas entstehen, was noch Religion enthält, aber es ist mehr. Die Religion muss sich für Wissenschaft und Kunst öffnen, vor allem für die Musik, denn auch da offenbart sich das, was wir Gott nennen.

Frage: Welche Traditionen müsste eine Kirche wie die katholische durchhalten?

Mann: Der Kern des Christlichen sind Grundaussagen Jesu in den Evangelien. Es sind einige wenige Stücke, darunter die Bergpredigt, das Vaterunser. Doch in diesen Kernstücken steckt ungeheuer viel Glut. Sie sind die Quelle einer religiösen Erfahrung. Weil es aber wenig ist, sollte das Christentum auch andere Wege der Offenbarung anerkennen. Und dem Einzelnen überlassen, was davon für ihn wichtig ist.

Frage: Und wenn die Worte der Bibel sich mit den Erkenntnissen der Naturwissenschaften reiben?

Mann: Zum Menschen gehört es, seine Erfahrungen in Zweifel zu ziehen. Vielleicht nicht in dem Moment, in dem er Gott erlebt. Aber im Nachdenken, bei anderen Erfahrungen. Dann wird es wichtig, nicht allein zu bleiben, sondern den Dialog mit anderen zu suchen, mit einem Meister – oder mit Schriften.