War alles vor 15 oder gar 30 Jahren besser? Nein. Zwar sind Migranten und ihre Kinder im Bildungswesen und auf dem Arbeitsmarkt noch längst nicht den sogenannten Biodeutschen gleich gestellt, aber in allen Branchen sehen wir heute erfolgreiche Menschen mit Migrationshintergrund. Sie sind keine Ausnahmen mehr. Noch vor zehn Jahren war das undenkbar. Und Jahr für Jahr verbessern sich die Teilhabechancen deutlich, auch für die Gruppe der Türkeistämmigen, was nicht zuletzt auf politische und gesellschaftliche Integrationsleistungen zurückzuführen ist. Gleichzeitig bestimmt eine genau entgegengesetzte Wahrnehmung den Diskurs.  Warum?

Kein Einwanderungsland oder Multikulti

Bis in die neunziger Jahre konkurrierten zwei Idealbilder. Das eine verhieß, wir lebten ausdrücklich nicht in einem Einwanderungsland – vielmehr sollten die arbeitenden Gäste in ihre Heimat zurückkehren oder durch unsichtbare Assimilationskräfte zu Deutschen werden. Die Anhänger des zweiten Idealbildes beschworen den Multikulti-Kult, in dem kulturelle Vielfalt unter einem Dach etwas Tolles ist. Diese Positionen sind zwar extrem unterschiedlich, aber an zentralen Stellen identisch. Einigkeit herrschte erstens darin, dass man nichts tun muss, um Migranten zu integrieren, und zweitens, dass sich die sogenannte Mehrheitsgesellschaft nicht ändern muss und wird. Drittens gingen beide Positionen davon aus, dass eine konfliktfreie Gesellschaft in Harmonie und Gleichgewicht das Ideal darstelle. Insbesondere die letztgenannte Idee hat noch immer nachhaltige Folgen.

Etwa mit der Jahrtausendwende änderten sich diese Idealbilder. Es hatte sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist. Und damit war  jedem klar, dass es einer aktiven Integrationspolitik bedarf. Interreligiöse Dialoge und Integrationsgipfel wurden organisiert, Migrations- und Integrationsbeauftragte installiert, Preise verliehen, Bildungsoffensiven gestartet.

Auf politischer Ebene wurde außerdem zunehmend klar, dass sich nicht nur die Gesellschaft in den vergangenen 50 Jahren verändert hat, sondern dass sie sich auch weiterhin ändern wird. Infolge dessen hat sich sehr viel in sehr kurzer Zeit zum Positiven entwickelt. 

Dass dies im öffentlichen Diskurs bisher anders dargestellt wird, kann einerseits mit den vielen Krisen zwischen 2001 und 2011 sowie andererseits mit der immer noch vorherrschenden naiv-romantischen Vorstellung von harmonischen Einwanderungsgesellschaften erklärt werden.

In Krisenzeiten kann man keine Ruhe bewahren

Die überfällige Integrationspolitik und der erste offen geführte Diskurs über Migration und Integration fand ausgerechnet in einem Jahrzehnt voller bildungs-, sozial- und europapolitischer Verwerfungen statt, die allesamt wenig mit Migration zu tun hatten. Bereits im Jahr 2001 erlebt das Land der Dichter und Denker den Pisa-Schock. Seit 2005 steht der Begriff Hartz IV als Synonym für Sozialstaatsabbau. 2007 beginnt eine Krise, die erst Finanzmarkt-, spätestens 2010 Euro- oder EU-Krise genannt wird. Die Zukunftsvision Europa verliert an Glanz. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind prekär geworden. Bemerkenswerterweise hilft es nur wenig, dass es Deutschland ökonomisch prächtig geht. Erst in der zweiten Jahreshälfte 2010 erscheint Thilo Sarrazins Buch Deutschland schafft sich ab. Über ein Jahrzehnt hatte sich also eine gewisse Spannung entwickelt, die sich in der Sarrazin-Debatte mit Wucht entlud.

Im gleichen Zeitraum begehen sowohl islamistische als auch rechtsextreme Terrorgruppen ihre Untaten. Seit 2000 verschärfte sich durch die digitale Revolution der Wettbewerbsdruck der Medien, mit dem Effekt einer zunehmend polarisierenden Berichterstattung. All das hat zur Verschärfung des Diskurses beigetragen. Unsicherheit, Überforderung und Kulturangst sind daher nachvollziehbar – zu viele positive Selbstbilder der Mehrheitsgesellschaft haben Risse bekommen.

Das Ende der Romantik?

Außerdem wird in der Öffentlichkeit nach wie vor an der Idee festgehalten, erfolgreiche Integrationspolitik führe zu einer harmonischen Gesellschaft. Diese Annahme verstärkt jedoch dauerhaft die Diskrepanz zwischen messbarer Integration und Alltagswahrnehmung. Denn je mehr Migranten erfolgreich im Bildungssystem sind und am Arbeitsmarkt teilhaben, desto mehr werden sie auch in ihrer Fremdheit gesehen. Wenn Frauen mit Kopftuch häufiger wahrgenommen werden, liegt das nicht daran, dass sie mehr geworden sind. Ein Kopftuch-Streit entsteht erst dann, wenn Studierende oder Akademikerinnen eines tragen und in gehobenen Positionen arbeiten wollen.

Während vor einigen Jahren noch Claudia Roth die Interessen bestimmter Minderheiten vertrat, sind es heute Menschen wie Kenan Kolat oder Aiman Mazyek. Sie machen Lobbyarbeit im deutschen Stil, aber mit eigenen Standpunkten. Das ist ebenso Integration wie die Tatsache, dass die künftige Tagesthemensprecherin und die aktuelle Staatsministerin für Integration türkeistämmige Gastarbeiterkinder sind.  

Verteilungs- und Interessenkonflikte nehmen nicht trotz, sondern wegen erfolgreicher Integration zu, einfach weil viel mehr Menschen teilhaben wollen und können. Gelungene Integration erkennt man nämlich nicht daran, dass sich Menschen vorschreiben lassen, wie sie zu leben haben, sondern daran, dass sie selbstständig und selbstbewusst mitgestalten, eigene Ansprüche formulieren und Einspruch erheben. Die daraus entstehenden Konflikte können, wenn sie konstruktiv bearbeitet werden, zu gesellschaftlichem Fortschritt führen.

Die deutsche Einwanderungsgesellschaft wird erwachsen, die Pubertät ist keine konfliktfreie Zeit, aber eine wichtige. Wer Kinder hat, kann ein Lied davon singen. Derzeit scheint aber vor allem harmonisches Wohlfühlen ein starkes Bedürfnis zu sein – nicht ohne Grund hat die unantastbare Kanzlerin den Beinamen "Mutti".