Uwe Mundlos wusste, dass es das letzte Mal war. Am 26. Januar 1998 rief er seinen Vater an und sagte: "Auf Wiedersehen. Ich habe euch lieb." Dann legte er auf. Es war der Tag, an dem Ermittler die Bombenwerkstatt von Mundlos, Beate Zschäpe und Uwe Böhnhardt in einer Garage in Jena aushoben. Und es war der Tag, an dem die Familie Mundlos entzweibrach. Der jüngste Sohn hatte erst bei seiner Mutter Ilona in der Kaufhalle vorbeigeschaut, wo diese arbeitete, und sich verabschiedet. Sie sagte ihrem Mann: "Siggi, heute Nachmittag wird ein Anruf von Uwe kommen, streite dich nicht mit ihm." Der Anruf kam. Danach sprachen sie nie wieder miteinander, Vater und Sohn Mundlos.

So schildert der 67-Jährige es im NSU-Prozess bei seinem zweiten Auftritt, am nun insgesamt 70. Verhandlungstag. Der Informatikprofessor hat sich abreagiert. Am Mittwoch hatte er noch wüst geschimpft und Richter Manfred Götzl mit seinen Provokationen an die Grenze der Beherrschung getrieben. Am Donnerstag gelingt es ihm hingegen, sich auf die Sache zu konzentrieren.

Der plötzliche Abschied seines Sohns schleuderte Mundlos in eine ihm fremde Welt. Eine Welt, in denen sonst unsichtbare, staatliche Kräfte plötzlich ganz sichtbar wurden, sein Leben bestimmten. So zumindest nahm er das wahr. Damals hätten zwei Mitarbeiter des Verfassungsschutzes ihn und seine Frau besucht und sie gebeten, sich zu melden, wenn sie etwas von Uwe hörten, erzählt der Vater. Nur sollten sie dafür auf jeden Fall die Telefonzelle nutzen, nicht ihren eigenen Anschluss, denn der werde abgehört, von der Polizei. Mundlos sagt, er habe daraufhin einen Test gemacht: Abends habe er von außerhalb bei seiner Frau angerufen und erzählt, es gebe neue Informationen über Uwe. Punkt 8 Uhr am nächsten Morgen habe sich der Zielfahnder des Landeskriminalamts gemeldet und nach Neuigkeiten gefragt. So war die Familie Mundlos in die Zuständigkeitswirren und verdeckten Manöver der verschiedenen Sicherheitsbehörden geraten.

Für ihn ist die Schuldfrage geklärt

Mundlos schildert mehrere dieser Anekdoten, sie zeichnen das Bild einer unheimlichen Halbwelt, wie aus einem Agententhriller. Bislang fehlen allerdings die Belege dafür. Vater Mundlos hat sich sein eigenes Bild der Realität gebastelt.

Darin ist auch die Schuldfrage längst abschließend geklärt. Am Vortag hatte er einen Großteil der Verantwortung Uwe Böhnhardt zugeschrieben, diesmal konzentriert er sich auf den Verfassungsschutz und dessen V-Mann Tino Brandt, der mit seinen Spitzelhonoraren den rechtsextremen Thüringer Heimatschutz aufbaute. Ohne den Verfassungsschutz und Brandts rechte Truppe wäre der NSU nie entstanden, ist sich Mundlos sicher. Immer wieder bricht sich die Empörung über die Behörde bei ihm Bahn: Er habe anfangs kaum glauben können, "dass der Verfassungsschutz naive Jugendliche einfängt und damit die Erfolgsbilanz für sich selbst aufbessert".