Dafür, dass Benjamin G. aus Kassel im NSU-Prozess eine Randfigur ist, weckt er erstaunlich hohes Interesse: Zwei Tage dauert seine Vernehmung im Oberlandesgericht, an seiner Seite hat eigens ein Anwalt Platz genommen. Denn G. arbeitete in der Vergangenheit als V-Mann in Hessen, er berichtete über Jahre aus der rechtsextremen Szene an den Verfassungsschutz.

Als Zeuge ist G. geladen, weil er seine Informationen an den Verfassungsschützer Andreas T. lieferte, der während des Mords an Halit Yozgat aus Kassel im April 2006 am Tatort war. Die NSU-Ermittler interessieren sich für G., weil dieser am Tag der Tat mit T. telefonierte und sich kurz darauf mit ihm traf. Mit dem Mord selbst hat der Zeuge wohl nichts zu tun.

In der Verhandlung macht G. allerdings Angaben, die neue Fragen über die Rolle der deutschen Geheimdienste aufwerfen – in diesem Fall den Militärischen Abschirmdienst (MAD) und den Verfassungsschutz. Pflegten beide Dienste enge Kontakte miteinander, knüpften sie gemeinsam ein mächtiges Netz von Informanten?

Die Antwort darauf ist ein großes, kompliziertes Puzzle. Und das liegt vor allem daran, dass sich G. an vieles aus der Vergangenheit nicht erinnern kann oder will. Vieles kommt erst ans Licht, wenn die Nebenklagevertreter dem Zeugen auf die Sprünge helfen.

Bruder war Anführer der Kameradschaft Kassel

Die spannenden Puzzleteile setzen die Anwälte Yavuz Narin und Antonia von der Behrens zusammen. G.s Zusammenarbeit mit den Geheimdiensten begann demnach zu seiner Bundeswehrzeit, die nach dessen Angaben bis zum Sommer 2001 oder 2002 dauerte. In den folgenden Jahren lieferte er immer wieder Informationen über die rechte Szene.

Narin interessiert sich für G.s Zeit als Wehrpflichtiger. Auf Nachfrage des Anwalts bestätigt G., dass er bei der Bundeswehr von Mitarbeitern des MAD angesprochen worden sei. Worum es damals gegangen sei, habe er allerdings vergessen. Narin gibt dem Zeugen eine Erinnerungsstütze: Ob man womöglich über seinen Bruder Christian W. gesprochen habe? Immerhin war dieser nach G.s Angaben früher Anführer der rechtsextremen Kameradschaft Kassel. "Wohl möglich", antwortet G. gewohnt knapp.

Bei dem Gespräch blieb es allerdings nicht: "Haben Sie eine Zusammenarbeit mit dem MAD vereinbart?", fragt Narin. "Das ist richtig", sagt G. Wie diese Kooperation aussah, ob er regelmäßig mit den Mitarbeitern Kontakt hatte, kann Narin nicht mehr fragen: Richter Manfred Götzl unterbricht die Befragung, er sieht darin keinen Zusammenhang mit den Taten des NSU.

Wechselnde Verbindungsleute für G.

Später gelingt es der Anwältin von der Behrens, an die Fragen anzuknüpfen. Sie zitiert aus dem Protokoll einer Vernehmung G.s beim BKA, laut dem er 2001 die Arbeit für den MAD begann. G. bestätigt, er sei nach seiner Zeit bei der Bundeswehr vom Landesamt für Verfassungsschutz in Hessen betreut worden. "Und Sie hatten weiter Kontakt mit denselben Personen?", fragt die Anwältin. G. bejaht.

Nach dem Übergang zum Verfassungsschutz bekam der Zeuge einen V-Mann-Führer zugeteilt, der unter dem Decknamen Heinz auftrat. Kurz darauf wechselte die Kontaktperson – von nun an war ein gewisser Alex zuständig, Klarname: Andreas T. Nachdem T. wegen des Yozgat-Mords in Verdacht geraten war, übernahm Mitte 2006 wieder Heinz die Führung. Ein Jahr später kündigte dieser die Zusammenarbeit auf.