Der Fremdenhass in der tschechischen Kleinstadt Josefov macht auch vor dem Bürgermeister nicht halt. Jiří Klepsa, breitschultrig und hochgewachsen, sagt Sätze wie diesen: "Wenn sie meinen Kindern etwas antäten, würde ich zuerst von meinem Bürgermeisterposten zurücktreten und dann bis auf den letzten Millimeter mit demjenigen abrechnen – persönlich". Wen Klepsa damit meint, weiß hier jeder: die Roma von Josefov.

Jeder Dritte der rund 3.000 Einwohner in der osttschechischen k.u.k Festungsstadt aus dem 18. Jahrhundert ist ein Roma. Man spricht hier – wie fast überall in Tschechien – von "Weißen" und "Schwarzen". Eine "Zigeunerstadt" sei Josefov, sagen die meisten "Weißen", tschechische Zeitungen schreiben von einem Ghetto. Seit die tschechische Armee vor Jahren hier abgezogen ist und Dutzende der alten Kasernen an die Stadt übergeben hat, gibt es zwar massiven Leerstand. Trotzdem werden 100 Wohnungen, ein Drittel des städtischen Bestandes, gezielt nicht vermietet, erklärt Bürgermeister Jiří Klepsa.

"Wir wollen damit verhindern, dass weitere problematische Familien die Stadt überschwemmen." Die Roma-Familien kämen irgendwo aus dem Umland oder weiter aus dem Osten – Slowakei, Ungarn. "Dieses Land verteidigt sich nicht gegen den Zuzug, und deshalb müssen wir als Stadt das tun", findet Klepsa. Was der Bürgermeister verschweigt: Die Stadt ermöglicht es gleichzeitig, dass Immobilienunternehmer aus der Situation der Roma hohe Profite schlagen können.

Immobilien zu Spottpreisen 

Über 400 ghettoartige Viertel gibt es nach Einschätzung der Regierungsagentur für soziale Integration mittlerweile in Tschechien – Tendenz steigend. Der Sommer 2013 stand im Zeichen anhaltender, gewaltsamer Anti-Roma-Proteste. "Asoziale Parasiten", schreien ganz normale Bürger im Schlepptau der rechtsradikalen Arbeiterpartei (DSSS). In den Ghettovierteln – zumeist heruntergekommene Ecken der Altstädte oder Plattenbausiedlungen – leben die Familien von der Sozialhilfe.

Auch in Josefov werden viele heruntergekommene Gebäude ausschließlich von Roma bewohnt. Nicht-Roma lassen sich hier kaum blicken. Vermieter sei ein Unternehmer aus Hradec Králové, sagt ein Mann um die 40 Jahre in einem schäbigen Hinterhof knapp und winkt ab. Mehr will er nicht sagen. "Sehen Sie, so läuft das," meint Jiřína Jelínková und schüttelt den Kopf. Sie arbeitet im Amt für Denkmalschutz und war vor vielen Jahren auch einmal Bürgermeisterin. "Diese sogenannten Unternehmer sollte man auf dem Marktplatz an den Pranger stellen, die sind das größte Übel hier."

Jiřína Jelínková holt tief Luft, dann erzählt sie: Die Stadt vermietet wegen der Roma keine Wohnungen mehr, stattdessen verkauft sie – oft zu Spottpreisen – ihre Immobilien an Geschäftsleute, und zwar ohne Nutzungsbedingungen. Die zerstückeln die Räume dann mit Trennwänden in kleinere Einheiten. Ihre Klientel: sozial schwache Roma, die keine Arbeit haben und woanders unerwünscht sind.

Damit diese überhaupt Sozialhilfe und Wohngeld bekommen, muss der Vermieter ihnen einen festen Wohnsitz bestätigen. Das tut er gern. Die Gegenleistung: Mieten von umgerechnet 400 Euro und mehr für Wohneinheiten, die mitunter nicht mal ein Bad haben. Wenn die Miete Mitte des Monats nicht bar auf der Hand ist, sitzen sie am nächsten Tag auf der Straße. Mit ihren Kindern. "Diese Leute leben in einer Art Sklavenhaltung", sagt Jiřína Jelínková.