2,3 Millionen Syrer sind seit Anfang des Krieges auf der Flucht. Die überwiegende Mehrheit von ihnen fand Zuflucht in den Nachbarländern: mehr als 840.000 in Libanon, 560.000 in Jordanien, 200.000 im Irak, zwischen einer halben Million und 700.000 in der Türkei. Und in Europa: nur etwas mehr als 50.000.

"Es reicht, diese Zahlen anzuschauen, um zu verstehen, dass sich Europa mehr engagieren muss, um das Problem der Kriegsflüchtlinge in den Griff zu bekommen", sagt der Kommissar für Menschenrechte des Europarates, Nils Muižnieks. Er besuchte in den vergangenen Wochen mehrere Aufnahmezentren in der Türkei, Bulgarien und Deutschland. Jetzt stellte er die Ergebnisse seiner Recherche in Berlin vor.

Die Wahl fiel nicht zufällig auf die Bundeshauptstadt. Denn Deutschland ist eines der wenigen europäischen Länder, die ein Aufnahmeprogramm für syrische Flüchtlinge in die Gänge brachten. Nach Angaben des Innenministeriums halten sich hierzulande knapp 24.000 syrische Flüchtlinge auf. Im Rahmen der vom Bundesinnenminister und den Bundesländern beschlossenen humanitären Aufnahme sollen demnächst weitere 10.000 dazu kommen. Davon kamen allerdings bislang nur 1.780 an.

"Europa weigert sich, das Ausmaß dieser humanitären Katastrophe wahrzunehmen", sagt der Kommissar. Denn zunächst glaubte man, der Krieg würde nur wenige Monate dauern. Inzwischen ist aber klar geworden, dass der Notstand kein schnelles Ende haben wird. Die UN-Organisation für Nothilfe OCHA meldete kürzlich, dass sich die Zahl der Flüchtlinge im Laufe des kommenden Jahres mehr als verdoppeln könnte. Es wird erwartet, dass sich die humanitäre Situation rapide verschlimmert. In den angrenzenden Ländern reichen die bestehenden Aufnahmestrukturen schon lange nicht mehr aus, um alle Neuankömmlinge unterzubringen.

Das Geld wird knapp

Besonders problematisch wird die Situation in der Türkei. Zwar konnte das dortige Notstandbüro die Situation im Südosten des Landes bislang kontrollieren. Doch in vielen Städten, wie der Grenzstadt Kilis, wo etwa 80.000 Flüchtlinge einquartiert sind, melden die Sicherheitsbehörden eine wachsende soziale Spannungen.

Ungefähr 210.000 Menschen leben zurzeit in den türkischen Flüchtlingslagern. Dazu kommen noch die knapp 500.000, die in den Städten leben und die etwa 100.000, die in unmittelbarer Nähe der Grenze Zuflucht von den Angriffen der syrischen Luftwaffe suchten und vom türkischen Noststandbüro versorgt werden.

"Die Türkei leistet eine hervorragende Arbeit", sagt Muižnieks: In den Camps haben die Flüchtlinge Zugang zu kostenloser medizinischer Versorgung und können sogar ihre Kinder zur Schule schicken. Doch das Geld wird immer knapper. Etwa 2,5 Milliarden Dollar hat Ankara bereits in die Versorgung der Flüchtlinge investiert. Weniger als zehn Prozent davon wurde durch internationale Hilfsprogramme finanziert.

Die Zahl der hilfsbedürftigen Flüchtlinge stieg in den letzten Monaten rasant. Denn viele Syrer finanzierten zunächst ihren Aufenthalt in der Türkei mit eigenen Mitteln. Doch ihre Ersparnisse reichten nicht lange.

Nur etwa 50.000 syrische Flüchtlinge kamen nach Europa. Einige schafften es bis nach Deutschland oder nach Schweden, das seit September allen syrischen Flüchtlingen ein unbefristetes Aufenthaltsrecht gewährt. Doch viele kamen nicht so weit.