Siegfried Mundlos hat sich auf eine lange Vernehmung eingestellt: Er setzt sich an den Zeugentisch im Gerichtssaal A101, zieht eine Wasserflasche, einen Becher und Apfel aus seiner Ledertasche und platziert alles auf dem Tisch. Er habe Schreckliches erlebt, sagt er, seit sein Sohn Uwe mit Beate Zschäpe und Uwe Böhnhardt abtauchte, mutmaßlich zehn Menschen tötete und im Jahr 2011 durch Selbstmord starb. Mundlos fühlt sich verfolgt – durch die Ermittler, die Staatsanwälte, die Medien. Seine Trauer ist längst einer großen Wut gewichen.

Mit Mundlos, 67, steht zum dritten Mal ein Elternteil der NSU-Mitglieder im Zeugenstand. Vor knapp einem Monat hatte Brigitte Böhnhardt ausgesagt, eine Woche später war Annerose Zschäpe geladen, die allerdings die Aussage verweigerte. Und jetzt, am 69. Verhandlungstag, ist der pensionierte Informatik-Professor aus Jena an der Reihe.  

Zunächst dreht sich Mundlos zu den Journalisten und ermahnt sie, falsche Berichte über seinen Sohn aus der Vergangenheit zu korrigieren. Man müsse doch "die Unschuldsvermutung" berücksichtigen. Sofort fährt Richter Manfred Götzl dazwischen: "Sie sind nicht hier, um solche Stellungnahmen abzugeben!" Die Sitzung ist eine Serie von Provokationen gegen das Gericht, absichtlicher oder versehentlicher Natur. Als Mundlos mitten in der Aussage in den Apfel beißt, verordnet Götzl ihm eine Zwangspause.

"Hilfsbereit und sehr lieb"

Und schnell wird klar, dass seine Äußerungen ähnlich ausfallen werden wie die der anderen Eltern. Vor Gericht stehen Menschen, die ihre Kinder verloren haben. Dass der Sachverhalt aufgeklärt, der familiäre Hintergrund ausgeleuchtet wird – für die Eltern der Extremisten ist das zweitrangig. Sie sehen sich in der Pflicht, das Bild ihrer Kinder in der Öffentlichkeit zu schützen.

Zwischen den schrillen Tönen des Professors setzt sich nach und nach die Lebensgeschichte seines Sohns Uwe zusammen, der in der Oberschule gute Noten schrieb und sich dafür einsetzte, dass sein behinderter Bruder eine rollstuhlgerechte Wohnung bekam. Der Vater nennt seinen Sohn "hilfsbereit und sehr lieb". Er habe sich zu DDR-Zeiten den Zorn der SED-treuen Lehrer zugezogen: "Er war kein Fascho oder Rechtsextremer, er war ein systemkritischer Schüler."

Nach der Wende sei bei Sohn Uwe einiges schief gelaufen: Er kaufte sich Springerstiefel und Bomberjacke. Der Vater habe das nicht gut gefunden, sagt er, trotzdem redete er nur selten mit seinem Sohn. Umso mehr habe er sich gefreut, als Uwe um das Jahr 1992 mit Beate Zschäpe zusammenkam. Sie waren ein Paar, bis Mundlos 1994 zur Bundeswehr ging.

"Ich habe gedacht: Vielleicht gelingt es Beate, ihn von diesem Spleen abzubringen." Beate sei gerne in Discos gegangen, wo man mit der Kleidung der rechten Szene nicht hereinkam. Sie sei "alles andere als rechts" gewesen, sagt Mundlos, "ich hätte sie eher dem linken Spektrum zugeordnet". Eine Aussage, die Zschäpes Verteidigern als Entlastung dienen könnte. Ähnlich äußert er sich über den Mitangeklagten Ralf Wohlleben, mit dem Uwe ebenfalls zu tun hatte: "Er spielte keine Rolle."