Dieudonné macht seit über zehn Jahren antisemitische Witze auf der Bühne. Neun Mal wurde er wegen Anstiftung zum Rassenhass verurteilt. Vor eineinhalb Jahren spielte er die Hauptrolle in einem iranischen Film, in dem auch prominente Holocaust-Leugner auftreten. Er spielt darin die Rolle seines Lebens: einen Mann, der Juden hasst. 

Der dunkelhäutige französische Komiker und Aktivist Dieudonné fordert derzeit die französische Gesellschaft heraus wie kein Zweiter. In der vergangenen Woche kündigte Innenminister Manuel Valls an, einen Auftritt Dieudonnés in Nantes zu verbieten – es folgte ein juristischer Showdown, der sich den ganzen Tag hinzog und der den Vorverkauf für die Veranstaltung ordentlich ankurbelte. Erst zwei Stunden vor Beginn wurde der Auftritt höchstinstanzlich verboten, was zu lautstarken Protesten seiner Fans führte. Inzwischen wurden auch Auftritte in Tours und Paris, die für dieses Wochenende geplant waren, untersagt.   

Der Innenminister Valls hat das Urteil als "Sieg der Republik" bezeichnet. Aber ist es das tatsächlich? Selbst Kritiker von Dieudonné beklagen, das Urteil beschneide die Rede- und Meinungsfreiheit. Andere befürchten, dass Dieudonné nun erst recht zur Kultfigur für Jugendliche wird. Seit seinem Auftrittsverbot hat er 50.000 Facebook-Likes hinzugewonnen. Und wieder andere meinen, der linke Präsident François Hollande, der gerade mit Berichten über eine angebliche Affäre mit einer Schauspielerin konfrontiert ist, wolle sich mit dem harten Durchgreifen nur profilieren.      

Dieudonné hat inzwischen angekündigt, am Samstag trotz des Verbots in Paris aufzutreten. Allerdings will er dabei nicht sein scharf kritisiertes Programm "Le Mur" aufführen. Stattdessen habe er innerhalb von drei Nächten ein neues Programm erarbeitet. Gleichzeitig wollen die Anwälte des Komikers weiter juristisch gegen die Auftrittsverbote vorgehen.

Die Diskussion darüber, was Kunst darf und wo die Meinungsfreiheit endet, wird in Frankreich meist zugunsten der Meinungsfreiheit geführt. Das erklärt auch, warum die Behörden nicht früher eingriffen. Immerhin schuldet Dieudonné dem Staat wegen seiner Hetze inzwischen Bußgelder in Höhe von 65.000 Euro. In Liedern wie "Shoananas" verspottet er den millionenfachen Mord an den europäischen Juden – ohne dass diese verboten werden. Nun aber ist er auch den französischen Behörden zu weit gegangen.  

Künstler oder Hetzer?

Es war ein Abend kurz vor Weihnachten, Dieudonné trat in seinem Theater théâtre de la Main d'or (deutsch: Theater der goldenen Hand) in Paris auf. Er machte sich über den jüdischen Radio-Journalisten Patrick Cohen lustig, der ihn zuvor scharf kritisiert hatte. "Wenn sich der Wind dreht, bin ich mir nicht sicher, ob er Zeit hat, seine Koffer zu packen", sagte Dieudonné. "Wenn ich Patrick Cohen reden höre, denke ich mir immer: die Gaskammern... schade." Der Saal lachte. 

Seitdem – der Ausschnitt des Auftritts wurde im Radio übertragen – diskutiert das Land darüber, ob Dieudonné ein Künstler ist oder nur ein Hetzer. Der 47-Jährige, der mit ganzem Namen Dieudonné M'bala M'bala heißt, wuchs als Sohn eines Kameruners und einer Bretonin in einem Pariser Vorort auf. Die ersten Erfolge als Komiker hatte er in den Neunzigern – bizarrerweise mit dem jüdischen Komiker Élie Semoun, einem seiner Jugendfreunde. 1997 trennte sich das Duo. 

Der Erfinder der "Quenelle"

Aus Dieudonnés anfänglicher Israel-kritischer Haltung wurde schnell Antisemitismus. Sein Markenzeichen ist die "Quenelle", ein verkappter Hitlergruß, der bei französischen Jugendlichen Mode ist und den auch der französische Fußballer Nicolas Anelka jüngst nach einem Spiel zeigte

Dieudonné unterstützt den rechtsextremen Front National; dessen ehemaliger Chef Jean-Marie Le Pen ist Taufpate eines seiner Kinder. Aber während der Front National inzwischen unter Marine Le Pen einen moderateren Kurs einschlägt und antisemitische Kommentare meidet, spricht Dieudonné offenbar den Hardlinern aus der Seele.