Schade, dass derart filigraner Widerstand die Rechnung ohne den ideologischen Wirt mit begrenzter Fähigkeit zum Understatement macht. Just als eine bunte Schar Kiezbewohner zwischen Bioladen, Apotheke und Spielplatz testen will, wie die Polizei auf friedliche Gruppenbewegung reagiert, kommt schon ein Trupp Autonome und brüllt irgendwas mit "Feuer", "Flamme", "Repression". Noch zwei Böller dazu – fertig ist der Polizeikessel in Echtzeit.

"Bei 150 Leuten ist das kein Spaziergang, sondern Aufzug", übersetzt der freundliche Jeansnummernbeamte das Lautsprecherknarzen vom Einsatzfahrzeug nebenan. Da bedürfe es eines Demonstrationsleiters, "sonst ist hier Schluss". Wegen der Ordnung. Und vielleicht, um für etwaige Schäden zu haften. Das nämlich hatte seine Gewerkschaft nach den jüngsten Vorfällen gefordert und gleich noch draufgelegt: Höre die Zivilgewalt gegen die Staatsgewalt nicht auf, sei Schusswaffengebrauch möglich.  

Anlass für die verbale Aufrüstung waren Angriffe auf Polizeistationen, die für eine Welle der Solidarität gesorgt hatte – selbst in der künftigen Gefahrenzone. Der allerdings hat nun ausgerechnet die Polizei ein Stück ihrer Rechtfertigung entzogen. Sprecher Mirko Streiber nämlich verlegte den Kieferbruch eines Beamten beim angeblichen Sturm Vermummter auf die Davidwache nachträglich 200 Meter nördlich ins Wohngebiet. Bisschen verschätzt, kann ja mal passieren, und die Überwachungskamera – leider, sorry, der Datenschutz – habe auch nicht aufgezeichnet. Es ist aber auch vertrackt mit dem Rechtsstaat in einem Viertel voller Staatsfeinde, die der Boulevard von Bild bis Morgenpost Tag für Tag zum wilden Mob paramilitärischer Chaoten hochjazzt.

Pause bis zur Dämmerung

Die allerdings sitzen nach zwei Tagen voller Kontrollen, Platzverweisen, Gewahrsam-, gar Festnahmen nicht in konspirativen Kellern und planen den Umsturz, sondern an den Tresen und trinken sich ihr Stigma lustig. In einer Nachbarschaftskneipe namens Otzentreff etwa analysieren Gäste zu Molotow-Cocktail-Shots für 1,50 und Polizisten aus den Boxen, was vor der Tür abgeht, bis die Danger Zone wieder Wohngebiet sein darf. Bis das dauernde Blaulicht vor den Butzenscheiben erlischt. Erst morgens machen die Kriegsparteien mal Pause. Selbst als auf der Reeperbahn die umkämpften Esso-Häuser geräumt werden, ist keine Polizei zu sehen. Bis zur Dämmerung. 

Die Fenster der Drogerie sind noch vom letzten Kampftag kaputt, die des SPD-Büros gar verrammelt, da spielen die Hüter ihrer Wahrheiten abermals Katz und Maus. Am alternativen Kunstprojekt Park Fiction sammeln sich die Anwohner zum Spaziergang mit Elbblick und sind, wie so oft, irritiert, wenn martialische Einsatzpolizisten höflich mit "Moin" grüßen, wer immer sie passiert. Um "20 Uhr 23", der Lautsprecher ist da korrekt, ist sogar eine Demoleiterin gefunden und es geht los, Richtung Kiez. Kurz darauf kracht ein Böller. Bürgerkrieg in St. Pauli. Das zweite Opfer dieses Krieges ist die Nachtruhe.