ZEIT ONLINE: Frau Becker, Sie forschen über Sexismus. Wie definieren Sie diesen?

Julia Becker: Sexismus ist, wenn eine Person aufgrund ihres Geschlechts negativ bewertet wird. Es geht immer darum, den ungleichen Status zwischen Männern und Frauen in der Gesellschaft aufrechtzuerhalten. Sexismus kann sowohl eine individuelle Einstellung oder Verhaltensweise als auch eine kulturelle oder institutionelle Praxis sein.

ZEIT ONLINE: Sie unterscheiden zwischen feindlichem und wohlwollendem Sexismus.

Becker: Feindlicher Sexismus ist eine klar negative Sicht auf Frauen. Er begründet sich in der Überzeugung, dass Männer einen höheren Status verdient haben. Die feindlichen Sexisten gehen davon aus, dass Frauen das Ziel haben, Macht und Kontrolle über Männer zu erlangen. Deshalb richtet sich feindlicher Sexismus oft an spezifische Personengruppen: Karrierefrauen oder Feministinnen.

ZEIT ONLINE: Und der wohlwollende Sexismus?

Becker: Der erscheint eher im Gewand der Ritterlichkeit oder des Kavaliertums. Wohlwollende Sexisten sind der Überzeugung, dass Männer Frauen beschützen und versorgen sollten. Frauen sind ihrer Meinung nach das sanftere Geschlecht, warmherziger, fürsorglicher in der Kindererziehung und sie haben einen feineren Sinn für Kunst und Kultur. Die Idee zur Unterscheidung dieser beiden Formen wurde von Peter Glick und Susan Fiske entwickelt.

ZEIT ONLINE: Welche Art kommt häufiger vor?

Becker: Feindlicher Sexismus ist klarer zu erkennen, er taucht aber in unserer modernen Gesellschaft weniger auf. Der wohlwollende Sexismus hingegen kommt häufig vor, auch bei jungen Männern und er ist schwer zu fassen, weil er ja freundlich verpackt ist.

ZEIT ONLINE: Zum Beispiel, wenn eine Frau im Meeting mit gleichgestellten männlichen Kollegen protokollieren soll, weil sie angeblich eine schönere Schrift hat?

Becker: Genau. Oft sind es Verhaltensweisen in mehrdeutigen Situationen, die zuerst schwer zuzuordnen sind. Wohlwollender Sexismus führt dazu, dass Frauen sich weniger kompetent verhalten: Die Forschung hat gezeigt, dass Frauen Matheaufgaben schlechter lösen, wenn sie vorher auf Geschlechter-Klischees angesprochen wurden, als wenn sie die Rechenaufgabe unbedarft angehen.

ZEIT ONLINE: Ist die Sexismus-Definition auch auf Männer anwendbar? Wenn männliche Erzieher in Kitas skeptisch beäugt werden, weil ihnen von den Eltern unterstellt wird, im Umgang mit Kindern weniger kompetent zu sein?

Becker: Das ist klar Sexismus und natürlich problematisch. Dennoch zeigt die Forschung, dass Männer viel seltener Nachteile durch sexistische Zuschreibungen haben als Frauen, da die Machtverhältnisse in unserer Gesellschaft zugunsten der Männer ausfallen.

ZEIT ONLINE: Gerade arbeiten Sie an einer Studie zu jenem Sexismus, der der Stern-Autorin Laura Himmelreich nach der Veröffentlichung ihres Artikels über Rainer Brüderle vor einem Jahr entgegenschlug. Was haben Sie herausgefunden?

Becker: Meine Mitarbeiterin Runa Bezold und ich konnten ein paar neue Formen von Sexismus identifizieren. Zum Beispiel gibt es ganz offensichtlich Sexismus, der als Kompliment getarnt ist. Der hängt zwar mit wohlwollendem Sexismus zusammen, ist aber eine weitere, eigenständige Form von Sexismus.