"Den Sterbenden helfen, statt sie zu töten" – Seite 1

Eine alte Villa im Hamburger Westen, umgeben von einem kleinen Park. Dort werden im Kinderhospiz "Sternenbrücke" Kinder und jungen Erwachsene, die an einer unheilbaren Krankheit leiden, mit ihren Familien bis zum Tod betreut und gepflegt. Die Kinderkrankenschwester Ute Nerge hat die Stiftung vor 13 Jahren gegründet und leitet seit 2003 das Hospiz. Thomas Sitte, Vorsitzender der Deutschen Palliativ Stiftung, arbeitet dort seit Kurzem als Arzt. 

ZEIT ONLINE: Hat schon einmal ein Kind oder Jugendlicher bei Ihnen den Wunsch nach Sterbehilfe geäußert?

Ute Nerge: Ich habe schon 148 Kinder bis in den Tod begleitet. In keinem einzigen Fall habe ich das erlebt. Wir bieten ihnen Ruhe, eine liebevolle, fürsorgliche, hochprofessionelle pflegerische und ärztliche Versorgung, Schmerztherapie und immer eine helfende Hand, wenn sie es benötigen. In einer solchen Umgebung kommt ein solcher Wunsch nicht auf.

ZEIT ONLINE: Unter anderen Umständen vielleicht schon. In Belgien wird ein Gesetzentwurf beraten, die Sterbehilfe auch auf Kinder und Jugendliche auszuweiten. Können Sie sich vorstellen, dass es schwerkranke Kinder gibt, die den Wunsch haben zu sterben?

Nerge: Wenn ein Kind diesen Wunsch äußert, dann ist etwas falsch gelaufen. Dann ist es nicht gut versorgt und betreut worden. Die Kinder und jungen Erwachsenen, die zu uns kommen, sagen schon: Wenn es soweit ist, lass mich gehen, halt mich nicht auf. Sie wollen nicht reanimiert werden, wieder an den Tropf und auf die Intensivstation. Aber sie wollen nicht vorzeitig sterben.

ZEIT ONLINE: Wieso haben viele Menschen Angst vor einem qualvollen Tod

Nerge: Weil sie häufig nicht angemessen begleitet werden. Zu uns kommen junge Patienten, die mitsamt ihrer Familie völlig überfordert sind und nicht aufgefangen werden. Ihre Ärzte haben zu wenige Kenntnisse, ihnen angepasst an die Situation Schmerzmittel zu geben, sie haben niemanden außer ihren Eltern, an die sich wenden können, wenn es ihnen schlecht geht. Wir versuchen, für sie und ihre Familien immer da und ansprechbar zu sein. Ihre gesamte Lebenssituation zu sehen, Probleme zu erkennen, gemeinsam Lösungen zu finden.

ZEIT ONLINE: Menschen mit dem Wunsch nach einem schnellen Tod rufen also im Grunde nach Hilfe in höchster Not?

Thomas Sitte: Ja, sie wollen eigentlich nicht sterben. Sie wollen nur nicht leiden. Wenn man ihnen diese Angst nimmt, verlangen sie in der Regel keine Sterbehilfe.

ZEIT ONLINE: Aber hat nicht jeder Mensch Angst vor dem Sterben?

Nerge: Erwachsene überlegen, was wird aus meinen Kindern, meinen Enkeln. Kinder denken noch nicht so weit im Voraus. Wenn sie größer sind, denken sie, ich werde nie erwachsen werden, ich werde nie heiraten, ich werde vielleicht nicht einmal eine erste Freundin oder einen ersten Freund haben. Sie hadern mit ihrem Schicksal. Sie haben aber keine Angst vor dem Tod, sondern eine tiefe Trauer in sich über all das, was sie nicht mehr erleben werden. 

Sitte: Bei Erwachsenen erlebt man häufig eine Panik vor dem Sterben, die in manchen Fällen paradoxerweise zum Ruf nach raschem Tod führt. Aber auch diese Angst kann man ihnen nehmen, wenn man sie richtig betreut und behandelt. In anderen Fällen geht es gar nicht um die Patienten selber, sondern um Angehörige, die das Leid ihrer Nächsten nicht ertragen. Da geht es dann nicht um Hilfe beim Suizid, sondern um Töten auf Verlangen oder auch ohne Verlangen. Auch in der politischen Diskussion wird oft manches vorgeschoben, wo es um ganz anderes geht.

ZEIT ONLINE: Nämlich?

Sitte: Zum Beispiel um schwerst und mehrfach Behinderte, die mit ihrer Umwelt nicht kommunizieren können. Da könnte dann von Angehörigen unterstellt werden, dass sie sterben wollten. Das ist ein hochgefährliches Terrain.

"Die meisten haben nicht Angst vor dem Tod, sondern vor dem Weg dahin"

ZEIT ONLINE: Was machen Sie jedoch, wenn ein Patient zu ihnen kommt und sich wirklich umbringen will?

Sitte: Für mache reicht es, zu wissen, wie sie sich im Notfall töten könnten. Das beruhigt sie, ohne dass sie es am Ende umsetzen.

Nerge: Die meisten haben nicht Angst vor dem Tod, sondern vor dem Weg dahin. Darüber wird aber nicht gesprochen. Wir müssen heute alle leistungsfähig, fit und gesund sein. Da hat ein Nachdenken über den eigenen Tod normalerweise keinen Platz. Der Tod gehört aber zum Leben. Wir können ihn nicht verhindern, doch wir können dafür sorgen, dass wir diesen Weg gut begleitet, achtsam und würdevoll gehen können und ihn damit wieder als einen Teil des Lebens sehen können, der keine Angst auslöst.

ZEIT ONLINE: Manche fürchten aber einfach auch nur, ihre Würde zu verlieren, dement oder pflegebedürftig zu werden, und wollen lieber vorher sterben. Darf ihnen die Gesellschaft diese Möglichkeit nehmen?

Sitte: Die nimmt ihnen ja keiner. Selbsttötung ist erlaubt, auch die Beihilfe dazu. Aber in der aktuellen Diskussion geht es um etwas anders: töten durch andere auf Verlangen.

ZEIT ONLINE: Wo ist der große Unterschied, ob man jemandem einen Giftcocktail lediglich hinstellt oder ob man ihn ihm verabreicht?

Nerge: Der Unterschied ist, dass in unserer wie in jeder zivilen Gesellschaft die Grundregel gilt "Du darfst nicht töten." Schon gar nicht als Arzt oder Krankenschwester.

Sitte: Es gibt Dinge, die kann das Recht nicht regeln. Tatsächlich sind die Fälle, in denen man einem Sterbenskranken medizinisch nicht mehr helfen kann, so selten, dass man sie juristisch nicht regeln sollte.

ZEIT ONLINE: Eine breite Mehrheit der Bevölkerung in Deutschland ist aber dafür, aktive Sterbehilfe zu erlauben.

Sitte: Viele betrachten das Leben heute nur noch unter Nützlichkeitsaspekten. Aber das heißt ja nicht, dass man da mitmachen muss. Auch ein behindertes Leben kann ein schönes Leben sein, und Alte und demente Menschen haben ebenfalls Würde. Ich möchte jedenfalls nicht in einer Gesellschaft leben, in der ein Klima herrscht, wo zwischen lebenswertem und nicht lebenswertem Leben unterschieden wird.

Nerge: Mir macht diese Diskussion Angst. Da gibt es sogenannte Sterbehelfer, die weder eine medizinische Ausbildung haben noch überhaupt wissen, wie das Krankheitsbild und der Verlauf aussehen. Dass sie sich selbst anpreisen, halte ich für hochgefährlich, weil ich fürchte, dass das Schule macht.

ZEIT ONLINE: Sie sind also beide der Meinung, wenn man diese Tür öffnet, wird sich die ethische Haltung der Gesellschaft gegenüber dem Leben generell verändern?

Sitte: Genau das befürchte ich. In Holland und Belgien, wo aktive Sterbehilfe legalisiert ist, dürfen sich nicht nur Schwerkranke töten lassen, sondern zum Beispiel auch Depressive. Dabei kann man die meisten dieser Patienten gut behandeln.

ZEIT ONLINE: Aber es gibt ja jetzt schon zahlreiche Fälle von Sterbehilfe, nur dass dies in der Illegalität passiert und häufig von Nicht-Fachkundigen praktiziert wird. Wäre es deshalb nicht besser, Sterbehilfe zu legalisieren, um sie aus der Grauzone zu holen?

Sitte: In der Mehrzahl dieser Fälle handeln Ärzte oder andere, die nicht wissen, wie man Palliativmedizin buchstabiert. Je mehr die Beteiligten wissen, wie man Schmerzen lindern und Schwerkranken oder Sterbenden helfen kann, desto weniger kommen sie in diese Versuchung. Und selbst wenn man Sterbehilfe legalisiert, wird es weiter eine hohe Dunkelziffer geben. Denn der Dokumentationsaufwand, der damit verbunden wäre, wäre gewaltig. Da macht man es lieber im Dunkeln. Der Arzt gibt dem Patienten einfach ein starkes Beruhigungsmittel, dann hat er keinen Schreibkram. Die Legalisierung löst also dieses Problem nicht.

"Ausbildung in Schmerztherapie muss zur Pflicht werden"

Nerge: Statt Sterbehilfe zu erlauben, sollte man es zur Pflicht machen, dass Ärzte in Schmerztherapie und Palliativversorgung aus- und weitergebildet werden. Dann können sie dem Wunsch von Patienten, sterben zu wollen, mit fachlicher Kenntnis und Unterstützungsangeboten begegnen, nicht mit Hilflosigkeit, wie wir das heute leider vielfach erleben.

Sitte: Umgekehrt muss auch gelten: Wenn man Sterbehilfe legalisieren will, dann brauchen wir dafür genaue Regeln. Es müsste festgelegt werden, wer das machen darf und unter welchen Bedingungen. Man sollte das Profis überlassen und staatlich überwachen. Und nicht Quacksalbern wie einem kürzlich bekannt gewordenen Lehrer, der mit einer Kaffeemühle durchs Land zieht und Sterbewilligen zermahlene Medikamente verabreicht. Daher sollte man entweder sowohl gewerbsmäßige wie ehrenamtliche Sterbehilfe verbieten, oder aber die professionelle fördern.

ZEIT ONLINE: Wir haben eine paradoxe Situation. Auf der einen Seite wird in der Medizin ein Riesenaufwand betrieben, um Leben zu retten und es immer weiter zu verlängern. Auf der anderen Seite reden wir darüber, dass Ärzte das Sterben beschleunigen sollen.

Sitte: Das passt durchaus zusammen. Viele haben Angst, gegen ihren Willen am Leben gehalten zu werden. Daraus resultiert häufig der abstrakte Wunsch nach Sterbehilfe. Ein Arzt ist jedoch nicht verpflichtet, einen Schwerkranken oder Schwerverletzten in jedem Falle weiter zu behandeln. Er kann und darf dem Sterben seinen Lauf lassen, aber er sollte den Sterbenden dabei unterstützen und ihm unnötiges Leiden ersparen.

ZEIT ONLINE: Sie richten sich also nicht gegen die Selbstbestimmung des Einzelnen über seinen Tod?

Sitte: Ganz und gar nicht. Jeder sollte in einer Patientenverfügung bestimmen, ob, wie und wie lange er behandelt werden möchte. Die Ärzte müssen sich daran halten, sie dürfen einen Patienten nicht gegen seinen erklärten Willen am Leben halten.

Nerge: Wir betreuen und begleiten die jungen Patienten hier im Hospiz oft über Jahre. Wir kennen sie und wissen über ihren Krankheitsverlauf und können dann jeweils entsprechend reagieren. Wir sprechen auch mit den Eltern, ob ein Kind etwa künstlich ernährt oder beatmet werden soll. Es wird dann eine Verfügung erstellt. Und dann wird, gegebenenfalls gemeinsam mit den Eltern und einem zusammengerufenen, professionellen Ethikrat die Entscheidung getroffen, ob eine Behandlung fortgesetzt oder beendet wird.

Sitte: Wenn wir über Sterbehilfe reden, müssen wir auch über die Situation in den Pflegeheimen sprechen. Die Personalsituation dort ist zum Teil katastrophal, die Mitarbeiter haben wenig Zeit, sich um die alten Menschen zu kümmern, es mangelt an ärztlicher Versorgung. Manche Pflegebedürftige wollen lieber sterben, als vor sich hinzuvegetieren. Der Politik wird langsam bewusst, wie viel hier in einer alternden Gesellschaft noch zu tun ist. Und wir brauchen Werbung und Aufklärung über die Möglichkeiten der Palliativmedizin und Schmerztherapie. Das könnte vielen die Angst vor einem qualvollen, würdelosen Sterben nehmen.

ZEIT ONLINE: Wieso ist das Wissen über die Schmerztherapie auch unter Ärzten noch so unterentwickelt? 

Sitte: Viele Mediziner haben Angst, etwa durch Morphium das Sterben zu beschleunigen und sich dadurch womöglich strafbar zu machen. Das ist aber grundfalsch. Patienten, denen die oft schrecklichen Schmerzen etwa bei Krebs genommen werden, können und wollen wieder leben. Unter starken Schmerzen würden sie schneller sterben. Dasselbe gilt für Atemnot. Sie verursacht Todesangst und Stress für den Körper. Durch Medikamente kann man sie nehmen oder lindern, die Patienten leben länger oder sterben zumindest weniger qualvoll.

Nerge: Es ist unsere Aufgabe, den Menschen zu helfen, dass sie den letzten Weg in Ruhe, ohne Angst und in Würde gehen können. Wenn man ihnen sorgsam hilft, werden sie entspannter und  ruhiger. Und dann können sie gehen, wenn es soweit ist. In Frieden, ohne Kampf und ohne inneres Wehren. Weil ihr Körper es von alleine so bestimmt.

ZEIT ONLINE: Wie beurteilen Sie die gegenwärtige Debatte?

Nerge: Ich finde die Debatte teilweise beängstigend. Aber es ist auch gut, dass wir uns jetzt endlich mit diesen Fragen befassen. Jeder sollte sich Gedanken machen, wie er sterben möchte. Viele haben jedoch Angst, sich damit zu beschäftigen. Deshalb ist es gut und überfällig, dass darüber nun offen gesprochen wird. Ich würde mir allerdings wünschen, dass es mehr um den natürlichen letzten Lebensweg ginge und was hierfür verbessert werden muss, damit der Wunsch nach Sterbehilfe gar nicht aufkommt.