Das soll jetzt wehtun. Der Verleger Thomas Rathnow gibt den Ton vor, "keiner kann hier Objektivität beanspruchen", mahnt er die Journalisten. Kurz darauf belehrt Thilo Sarrazin sie erneut: "Auch ihre Kritik werden Sie als Betroffene üben und nicht als neutrale Berichterstatter." Was im Umkehrschluss natürlich bedeutet: Kritik ist dann eher Gejammer oder Verteidigungskampf als ernstzunehmender Widerspruch. Praktisch für den Kritisierten.

Thilo Sarrazin hat ein neues Buch geschrieben, über die "Grenzen der Meinungsfreiheit" und den "Tugendterror" in Deutschland. Und weil er die Tugendterroristen vor allem in den Medien gefunden zu haben glaubt, gerät die Buchvorstellung am Montagvormittag in der Bundespressekonferenz vor den Vertretern eben jener Medien zu einer Mischung aus Tribunal und versuchter Therapiesitzung.

Da sitzen nun genau die Leute vor ihm, gegen die der Autor anschreibt. Jene "linksliberale Medienelite", die im "Gleichheitswahn" alles verteufele und "moralisch herabwürdigt", was vermeintlich echte soziale Probleme anspricht. Sarrazin wäre aber nicht Sarrazin, wollte er nicht den ganz großen Bogen spannen, schließlich sei er gerne "historischen Gesetzmäßigkeiten" auf der Spur. "Gesetzmäßigkeiten" ist ein typisches Sarrazin-Wort. Es klingt so schön nach Wissenschaft und Erkenntnis, nach Wahrheit statt Meinung.

Acht Stunden und zwölf Minuten in Talkshows

Deshalb ist auch ein Professor dabei, ein emeritierter sogar; wer würde schon einem Professor widersprechen. Hans Mathias Kepplinger hat ein Buch über "Mechanismen der Skandalisierung" geschrieben und macht nun mit bei Therapieversuch und Anklage: Er erkennt im medialen Umgang mit Sarrazins Migrationsthesen eine "Tabuisierung im Sinne Sigmund Freuds", er bemängelt Falschdarstellungen der Thesen – der Anklageteil – und überhaupt eine "Einengung der Meinungsfreiheit durch Medienmacht". Und die Medienmacht sitzt eng gedrängt in den Stuhlreihen davor, muss sich das jetzt anhören.

Später zählt dann eine Journalistin die Dutzenden Interviews auf und die "acht Stunden und zwölf Minuten Redezeit" in Fernsehtalkshows, in denen Sarrazin ja seine vermeintlich unterdrückte Meinung darstellen konnte. Aber das lässt der nicht gelten, und überhaupt gehe es ja nicht um ihn, sondern um all die anderen armen Meinungsabweichler und um das "Systemische" an dem, was ihm widerfahren ist.

Medien - Thilo Sarrazin beklagt fehlende Meinungsfreiheit

Eine Genugtuung muss es für Sarrazin sein, nun den Politikjournalisten in deren eigenem Haus – der Bundespressekonferenz, einem Journalistenverein – mal so richtig auf die Finger zu hauen. Aber er überhöht seine persönliche Erfahrung und Meinung in die Allgemeingültigkeit. Aus Erfahrung wird unumstößliche Wahrheit, fußnotengesättigt. Das linke Medienkartell ist dann eine direkte Folge des falschen Glaubens an die Gleichheit, wiederum das letzte Überbleibsel des gescheiterten Sozialismus und ein Religionsersatz der Eliten in einer aufgeklärten Welt. Sarrazin kann so etwas auf der Bühne in drei Sätzen zu einer klapprigen, aber prägnanten Kausalkette zusammenbasteln.

Und doch funktionieren sie ganz gut zusammen, die gescholtenen Medien und ihr Provokateur. Wohlig stöhnen die Fotografen, als Sarrazin sein Buch in die Hand nimmt und mit gewohnt strengem Blick in die Kameras hält. Ein gutes Bild, er ist zurück. Natürlich leben all die Medien, die ihm ständig zu widersprechen wagen, auch von Provokateuren wie ihm.

Über die "heftigen Reaktionen schon vor Veröffentlichung" hatte Sarrazins Verleger eingangs gesprochen, und seine klammheimliche Freude über den dann sicher bald folgenden kommerziellen Erfolg hinter den Worten versteckt: "Es ist natürlich nicht unsere Aufgabe, das zu kommentieren."

Nach anderthalb Stunden ist die Therapiesitzung vorbei, von Sarrazins Couch gehen die Journalisten zurück in ihre Redaktionen. Und schreiben, wie er, was sie wollen.