Das letzte Mal überraschte mich die evangelische Kirche angenehm, als ein Pfarrer über das Böse sprach. Es war in einem Gottesdienst vor ein paar Wochen in Hamburg, und der Pfarrer sagte, dass die Kirche aufgehört habe, über das Böse zu sprechen, weil sie ihr bürgerliches Publikum nicht vertreiben wolle. Ich habe das oft gedacht, aber die Kirche wäre einer der letzten Orte, wo ich einen Verfechter dieser These vermuten würde.

Wenn ich mein Ungenügen an der evangelischen Kirche in einem Wort zusammenfassen müsste, dann ist es ihre Leisetreterei. Hauptanliegen der Kirche scheint es zu sein, niemanden vor den Kopf zu stoßen, sei es mit den unerfreulichen Geschichten des Alten Testaments, mit Ideen, was ein gläubiger Christ nicht tun sollte, oder laut gesprochenen Gebeten in kirchlichen Einrichtungen. Als ich bei der für religionspädagogische Fragen Zuständigen in der EKD nachfragte, wie man es damit in kirchlichen Kindergärten halte, sagte sie, dass es da keine einheitliche Richtlinie gebe. Aber sie verwies darauf, dass Studien zufolge Religiosität zu größerer Resilienz bei Kindern führe. Ich finde es deprimierend, wenn die Kirche glaubt, Werbeargumente finden zu müssen; demnächst wird sie Statistiken suchen, wonach religiöse Jugendliche bessere Noten bekommen und später glücklichere Ehen führen.

Natürlich ist es nicht so, dass die Kirche keine Positionen vertreten würde: Sie ist für den Klimaschutz und gegen Menschenhandel, sie ist gegen Massenvernichtungswaffen und für gerechten Handel. Sie ist für alles, wofür bürgerliche Mehrheiten sind. Im Grunde vertritt sie das Prinzip Merkel, sich nicht zu früh und nicht zu spät die Meinungen des Wahlvolks auf die Fahne zu schreiben und dann so zu tun, als hätte man sie als Erste geschwungen. Die evangelische Kirche prangert die Exzesse des Kapitalismus an, so wie es heute zum guten Ton gehört, und sieht mit der gleichen Verve wie die Mehrheit der Bevölkerung darauf, dass sich ihr Geld möglichst stark vermehrt. Sie fordert gerechte und sozial verträgliche Arbeitsbedingungen und wehrt sich gegen Tarifverträge für ihre Angestellten. Sie will Leben schützen und sagt gern, dass alles Leben gleich viel wert sei, aber ein klares Wort gegen Pränataldiagnostik kann sie sich nicht abringen.

Eigentlich könnte mir all das herzlich egal sein. Aber ich habe Sympathie für die Aufrechten in der Kirche, für die alten Damen, die sonntags vergeblich versuchen, Eine-Welt-Produkte an den Mann zu bringen, für die Kommunitäten, die es ernst meinen mit gelebtem Glauben, für die Freiwilligen, die unentwegt Kindergottesdienste anbieten, obwohl sich kaum mal ein Kind in den Gottesdienst verirrt. Und während ich das schreibe, sehe ich: Das ist nicht die Amtskirche, das sind Leute um sie herum.

Meine erste bewusste Erfahrung mit der Amtskirche war mein Konfirmandenunterricht. Wir waren vielleicht zehn Jugendliche und ein Pfarrer, der geschieden war, was damals noch ungewöhnlich war. Ein schmaler Mann, der aussah wie eine Mischung aus Luther und Prinz Eisenherz, es schien ihn etwas umzutreiben, aber das war sicherlich nicht der Konfirmandenunterricht. Ich weiß nur noch, worüber wir nicht sprachen: biblische Texte, das Glaubensbekenntnis, das Vaterunser oder anderes, das etwas mit christlichem Glauben zu tun gehabt hätte. Soweit ich mich erinnere, führten wir ziellose Diskussionen, die irgendjemand vom Zaun brach.

Dieser Text stammt aus der aktuellen Ausgabe von Christ & Welt

Einmal gab es tatsächlich so etwas wie ein glaubensrelevantes Gespräch: Es ging um die Frage, warum wir uns konfirmieren ließen, und ein Junge sagte, dass seine Eltern ihm dafür eine Musikanlage versprochen hätten. Im Nachhinein glaube ich, dass das zwar stimmte, es zugleich aber ein Versuch war, so etwas wie eine Grenze zu erfahren, eine Reaktion des Pfarrers, der klargestellt hätte, dass das Ganze kein Kuhhandel sei. Es kam nichts. Ich glaube, dass er ein religiöses Anliegen hatte, ich habe nur nicht erfahren, welches. Einmal fragte er mich, ob ich im örtlichen Altenheim Klavier vorspielen könnte, ich habe mich davor gedrückt und schäme mich immer noch dafür.

Später hatte ich eine Religionslehrerin, die im Unterricht vor allem soziale Anliegen vorbrachte, Christentum als sozial-politisches Engagement. Sie wurde abgelöst vom örtlichen Pfarrer, der stets unvorbereitet, aber im Anzug in die Stunde kam. Er hielt nichts vom sozial engagierten Christentum, er hielt auch nichts von der Lehrerin, und selbst wir Pubertierenden waren überrascht, wie unverhohlen er das kundtat. Wovon er etwas hielt, wurde nicht klar.

Ich frage mich, ob es etwas Verbindendes zwischen den Pastorinnen und Pastoren gibt, die ich inzwischen erlebt habe. Die wenigsten sind konservativ, die wenigsten sind radikal. Ein paar suchend, einige rhetorisch sehr gewandt, einige gebildet, einige den Bedürftigen in der Gemeinde zugewandt. Vielleicht kann man am ehesten sagen, dass sie bürgerlich sind, im Guten wie im Schlechten. Es hat sich ergeben, dass ich Ordensleute privat kennengelernt habe, katholische Mönche und Nonnen. Bei der Begegnung mit ihnen hatte ich zum ersten Mal den Eindruck, dass hier die Beschäftigung mit dem Glauben die Essenz eines Lebens ist. Dass das Leben dieser Menschen durch ihren Glauben ein erfahrbar anderes ist als das von Nichtgläubigen.