Heroin, dachte man bislang, sei die Droge der Sechziger, Siebziger und Achtziger gewesen. Der Rockgitarrist Jimi Hendrix starb an einer Überdosis, ebenso Janis Joplin oder Jim Morrison von den Doors. Deutschland erschütterten damals die Bilder der Kinder vom Bahnhof Zoo: junge Menschen, ausgemergelt, sterbenskrank, mit einer Nadel im Arm. Doch spätestens seit dem Tod des amerikanischen Schauspielers Philip Seymour Hoffman weiß man: Die lebensgefährliche Droge ist zurück, zumindest in Amerika. In seiner Wohnung fand die Polizei Dutzende kleiner Pergamenttütchen mit der weißen Droge. Auch in seinem Arm steckte eine Nadel, auch er starb an einer Überdosis Heroin

Heroin wird geschnupft, geraucht, als Pille geschluckt oder gespritzt. Die jüngsten Nachrichten sind erschreckend: Laut dem amerikanischen Gesundheitsministerium ist die Zahl der Heroin-Nutzer in kurzer Zeit um 80 Prozent gestiegen, von schätzungsweise 373.000 im Jahre 2007 auf 669.000 im Jahre 2012. Die amerikanischen Drogenbehörden sagen, vor allem mexikanische Hersteller würden den Heroinhandel kräftig ankurbeln, um den Kartellen aus Kolumbien Konkurrenz zu machen. Die Heroinfunde entlang der amerikanisch-mexikanischen Grenze hätten sich in den vergangenen Jahren fast verdreifacht.

Mehr als verdoppelt hat sich zwischen 2000 und 2010 auch die Zahl jener, die an einer Überdosis Heroin gestorben sind: auf insgesamt 3.094. Und die Todesziffer steigt weiter, vor allem im Osten der Vereinigten Staaten – und anders als in den siebziger Jahren nicht nur in den Metropolen, sondern ebenso in den Vorstädten und auf dem Land. Im Jahr 2012 verzeichnete allein der Bundesstaat Maryland 387 Heroin-Tote, im Jahr zuvor waren es "nur" 245. Im Nachbarstaat Virginia starben 2012 allein in den ersten neun Monaten 90 Menschen an einer Überdosis, im gesamten Jahr 2010 waren es 70. Bei einem Treffen des National Institutes on Drug Abuse berichteten kürzlich 17 von 20 Drogenforschern, Heroin sei derzeit ihre größte Sorge.

Ersatz für unzugängliche Schmerzmittel

In Virginia, vor den Toren der US-Hauptstadt Washington, macht gerade der Tod einer erst 16-jährigen Schülerin Schlagzeilen. Emylee Lonczak hatte gemeinsam mit drei Freunden bei einem Dealer in Washington Heroin erstanden. Für das Mädchen war es das erste Mal.

Auf dem Rückweg im Auto versuchte sich Emylee, die Droge zu spritzen und fand die Vene nicht. Ein Freund setzte ihr die Nadel in den Arm. Emylee kollabierte und verlor das Bewusstsein. Ihre Freunde gerieten in Panik und legten den reglosen Körper daheim auf ein Bett in einem Kellerraum. Zwei der drei Freunde machten sich aus dem Staub. Der Dritte, der jetzt auf der Anklagebank sitzt, zerrte Emylee aus Angst vor Entdeckung in ein nahe gelegenes Buschwerk und bedeckte sie mit Fliegengitter. Zwei Tage später wurde der Leichnam gefunden.

Warum das Heroin im 21. Jahrhundert mit aller Macht zurückkehrt? Die Forscher glauben, den wichtigsten Grund zu kennen: Etliche der Heroin-Nutzer waren zuvor von starken Schmerzmitteln abhängig. Laut einem Bericht der Substance Abuse and Mental Health Services Administration nahmen vier von fünf Menschen, die das erste Mal zu Heroin greifen, zuvor ein verschreibungspflichtiges Schmerzmittel ein. Doch die Verschreibungsregeln wurden in den vergangenen Jahren drastisch verschärft, es ist weit schwieriger, ein Analgetikum auf Rezept zu erhalten. Und die Schwarzmarktpreise sind für viele unerschwinglich. Überdies sind der Polizei in den vergangenen Jahren spektakuläre Schläge gegen den illegalen Medikamentenhandel gelungen.