Angesichts großer Differenzen zwischen der katholischen Lehre und der Lebenswelt vieler Gläubigen sieht der Trierer Bischof Stephan Ackermann deutlichen Veränderungsbedarf in der kirchlichen Moral und Sexualethik. So habe die kürzlich ausgewertete Umfrage des Vatikans unter katholischen Gläubigen ergeben, dass die Morallehre der katholischen Kirche überwiegend als "Verbotsmoral" und "lebensfern" angesehen werde, sagte er der Mainzer Allgemeinen Zeitung.

Als Beispiel nannte Ackermann, dass eine neue Ehe nach einer Scheidung als dauernde Todsünde angesehen wird. Dies sei "nicht mehr zeitgemäß". Auch sei es nicht mehr haltbar, jede Art von vorehelichem Sex als schwere Sünde zu bewerten. Und zum Thema Familienplanung und Verhütung sagte der Bischof: "Die Unterscheidung nach natürlicher und künstlicher Verhütung ist auch irgendwie künstlich. Ich fürchte, das versteht niemand mehr." Grundsätzlich gehe es nicht an, dass es nur das Ideal auf der einen und die Verurteilung auf der anderen Seite gebe.

Im vergangenen Herbst hatte der Vatikan einen Fragebogen zu Ehe, Familie und Sexualmoral erstellt, um damit eine außerordentliche Bischofssynode im kommenden Oktober zum Thema Familie in Rom vorzubereiten. Auch die deutschen Bischöfe erhielten aus den Diözesen, katholischen Einrichtungen und von Einzelpersonen rund 1.000 Seiten Rückmeldungen. In einem Bericht bilanzieren sie, dass die kirchlichen Aussagen zu Geschlechtsverkehr vor der Ehe, Homosexualität, zu den wiederverheirateten Geschiedenen und zur Geburtenregelung bei den Gläubigen "kaum Akzeptanz finden oder überwiegend explizit abgelehnt werden".

Mehr Akzeptanz für Homosexualität

Als eine Aufgabe im Blick auf die Synode in Rom sehen es die Bischöfe daher, "einen Duktus zu finden, der sich vom Vorurteil der Leibfeindlichkeit und einer lebensfeindlichen Gesetzesethik zu befreien mag". Die Kirche müsse sich neu mit den wiederverheirateten Geschiedenen auseinandersetzen und "die Frage nach einer Möglichkeit zur Wiederzulassung zu den Sakramenten konstruktiv und weiterführend aufgreifen".

Bischof Ackermann plädiert in dem Interview nun auch für einen anderen Umgang der Katholischen Kirche mit Homosexualität. "Das christliche Menschenbild geht von der Polarität der Geschlechter aus, aber wir dürfen nicht einfach sagen, Homosexualität sei widernatürlich", sagte er und warnte zugleich davor, Homosexualität dürfe aber nicht in Promiskuität und Triebbefriedigung ausgelebt werden. Grundsätzlich gelte aber: Wenn durch eine eingetragene Lebenspartnerschaft Treue und Verantwortung gestützt würden, "dann können wir dieses Verantwortungsbewusstsein nicht ignorieren".