Der Autor arbeitet als Wissenschaftler an der Universität Zürich. Der Name ist der Redaktion bekannt.

Wie man als Deutscher in der Schweiz behandelt wird, kommt sehr auf den Kontext an. Ich wohne etwa in einem sehr kosmopolitischen und multikulturellen Teil von Zürich. Dort gibt es sehr viele Deutsche und andere Ausländer. Es ist ein bisschen wie das Kreuzberg von Zürich. Ich wurde dort sehr gut aufgenommen. Aber das ist überhaupt nicht repräsentativ für den Kanton Zürich oder den Rest des Landes.

Die Deutschenfeindlichkeit ist auch immer wieder Thema in meinem Freundes- und Bekanntenkreis. Ich kenne eigentlich nur Leute, die die Schweiz wieder verlassen wollen. Ich bin 2010 wegen der hervorragenden Arbeitsbedingungen hierher gekommen. Das sind sie auch, emotional will ich aber auf jeden Fall wieder zurück nach Deutschland.

Zu Schweizern habe ich kein enges Verhältnis. Es ist schwierig, mit ihnen in Kontakt zu kommen, auch wenn man sich bemüht. Was ich versucht habe. Aber ich habe eine große Reserviertheit erlebt.

Meine Erfahrung als Deutscher in der Schweiz ist: Man eckt immer wieder an. Grundsätzlich wird man meistens freundlich empfangen und angelächelt, bis man den Mund aufmacht und Hochdeutsch spricht. Dann verschwindet oft das Lächeln und die Atmosphäre wird eisiger.

Es gab auch extreme Ausnahmesituationen, in denen ich auf der Straße beschimpft worden bin. Da können Worte fallen wie man solle "Heim ins Reich" gehen oder "verpiss dich in deine Heimat". Ich saß zum Beispiel einmal im Flugzeug von Hamburg nach Zürich. Nach der Landung stand ich offenbar nicht schnell genug auf für meinen Schweizer Sitznachbarn. "Wir sind nicht mehr in Deutschland", blaffte der mich an. Das sind absolute Ausnahmen, das möchte ich noch einmal betonen. Aber solche Vorfälle nagen trotzdem an einem.

Jung, gebildet, ausländerskeptisch

Zudem spielt auch in meinem Job meine Herkunft eine Rolle. In der Schweiz ist es mittlerweile ein Politikum, ob eine Professur mit einem Deutschen besetzt wird. Die Diskussion dreht sich tatsächlich darum, ob die Deutschen in der Wissenschaft den Schweizern ihre Arbeitsplätze wegnehmen.

Was mich verwundert in der Schweizer Debatte: Die Deutschen- und Ausländerfeindlichkeit ist nicht eine Sache ungebildeter Bauern aus Appenzell, sondern wird mitunter auch von jungen, gebildeten Wissenschaftlerinnen vertreten. Das heißt, das Abstimmungsergebnis gibt eine breitere Meinung wieder. Es entsteht wirklich das Gefühl, als Deutscher in der Schweiz nicht willkommen zu sein. Insofern hat das Referendum auch einen symbolischen Wert, das nehme ich durchaus auch persönlich. Auch wenn ich im Abstimmungsergebnis vor allem auch ein Versagen der Politik sehe, die die Ängste der Schweizer nicht ernst genommen hat.

Leben Sie als Ausländer in der Schweiz? Wie bewerten Sie das Ergebnis der Volksabstimmung? Schreiben Sie uns. Entweder hier im Kommentarbereich oder über das Leserartikel-Formular, Stichwort "Schweiz".

"Germanismen vermeiden!"

Der Autor arbeitet seit Juni 2010 als Redakteur einer Schweizer Zeitung

In meiner ersten Arbeitswoche in Zürich schenkten mir meine neuen Kollegen einen 187 Seiten langen Verhaltenskodex für Deutsche in der Schweiz. Man solle niemals versuchen, Schweizerdeutsch zu sprechen, steht in dem Buch. Es sei denn, man beherrsche es bereits perfekt. Was für ein Widerspruch. Man solle außerdem Gesprächspartnern nicht ins Wort fallen, sich bei jeder Gelegenheit lieber dreimal bedanken als einmal zu wenig. Keinesfalls das Bankgeheimnis kritisieren und erst recht nicht das System der direkten Demokratie oder gar das Schweizer Militär. Und: Germanismen vermeiden! Wer Züricher See sage, mache sich unmöglich. Es folgen Formulierungshilfen fürs korrekte Auftreten im Büro und im Restaurant.

Mit einem derartigen Lokal-Knigge im Hinterkopf, dauerte es etwas länger, das Land schätzen zu lernen als das, was es ist: Viel mehr als eine Ansammlung von Verbotsschildern. Zürich ist geprägt von Menschen, die weltoffener und pragmatischer denken als viele, die mir vorher in New York oder Brüssel begegnet sind. Ich habe Schweizer Freunde und Kollegen, die die Unzulänglichkeiten ihrer Heimat schärfer kritisieren, als das ein Deutscher jemals wagen würde. Sie kennen sich in den Nachbarländern besser aus als mancher Einheimischer. Sie sind selbstironisch, nehmen sich selbst nicht zu wichtig und misstrauen vermeintlichen Lichtgestalten im öffentlichen Leben. Was sich als Hang zum Mittelmaß interpretieren lässt, aber vor allem ein wirkungsvolles Korrektiv gegen Blender darstellt. Ein Guttenberg wäre in Bern kaum so steil aufgestiegen wie in Berlin.

Außerdem heißen die Schweizer selbstverständlich Ausländer willkommen. Die meisten wissen nur zu gut, dass sie selbst in direkter Linie von Einwanderern abstammen. Eigentlich wäre eine Personenfreizügigkeit, die dem Einzelnen ermöglicht, sich von dem Staat zu emanzipieren, in dem er zufällig geboren wurde, typisch schweizerisch. Viele sehen das auch so.

Das Land ist polarisiert

Eine Volksabstimmung, bei der sich eine Mehrheit für eine Begrenzung der Zuwanderung ausspricht, widerspricht diesem Eindruck. Es wäre aber falsch, aus dem knappen Erfolg einer von Fehlinformationen durchsetzten Kampagne auf eine außergewöhnlich große Fremdenfeindlichkeit zu schließen. Das Land ist polarisiert, aber die Kräfte, die für eine fortschrittliche Schweiz eintreten, artikulieren sich in aller Regel laut und überzeugend genug. SVP-Vordenker Christoph Blocher stößt auf vehementen Widerspruch, wenn er mit Ängsten spielt, und auch auf Spott, wenn er eine längst vergangene Heidiland-Idylle beschwört. Auch Weltwoche-Chef Roger Köppel repräsentiert nicht den Mainstream der Schweiz, auch wenn er als Dauergast in deutschen Talkshows leider diesen Eindruck erweckt. Sein Blatt erreicht kaum noch die Auflage eines Leitmediums.

Abgesehen davon: Gut vorstellbar, dass das Ergebnis bei einer Abstimmung in Deutschland noch eindeutiger ausfallen würde. Vor allem, wenn jedes Jahr 800.000 Ausländer ins Land kämen, was hochgerechnet der Bevölkerungszahl der jährlichen Zuwanderung in die Schweiz entspricht.

Dem heutigen Chefredakteur einer Konkurrenzzeitung, der mir anfangs prophezeite, ich werde mich erst heimisch fühlen, wenn ich Schweizerdeutsch spreche, kann ich sagen: Was für ein Blödsinn. Man kann sich hier sehr wohl fühlen, die Schweiz ist eines der schönsten Länder der Welt. Manchmal pedantische Regelung im Alltag und eine schikanöse Polizeikontrolle ändern an diesem Urteil nichts. Zugegeben: Den Verhaltenskodex zu lesen, schadet beim Einleben nicht.

"Ich bin immer noch 'die Deutsche'"

Die Autorin arbeitet als Angestellte in einem Marketing-Unternehmen. Nach Stationen in Australien und Dubai lebt sie seit drei Jahren in Zürich. Der Name ist der Redaktion bekannt. 

In der Firma war die Abstimmung überhaupt kein Thema zwischen den Kollegen und mir – obwohl mich das Ergebnis sehr getroffen hat. Aber das ist typisch Schweiz. Die Menschen hier sind sehr sensibel, was Kritik angeht und so war es mir lieber, dass wir im Kollegenkreis einfach gar nicht darüber gesprochen haben. Natürlich hätte auch jemand auf mich zukommen können, so nach dem Motto: Nimm das nicht persönlich. Aber das hat niemand gemacht.

Ich lebe eigentlich gerne in der Schweiz und bereue meine Entscheidung auch nicht, hierher gezogen zu sein. Der Lebensstandard ist hoch, alles ist sehr sicher und sauber. Es ist wahnsinnig schön hier. Aber die ersten Jahre waren schwer. Es wird einem immer klar gemacht: Man ist ein Ausländer.

Unmut über die Art der Deutschen

Das darf man bitte nicht falsch verstehen: Ich bin nie beleidigt oder beschimpft worden. Aber es wird immer – auch in meinem Beisein – über "die Deutschen" schlecht geredet. Die seien arrogant, weil sie einfach Hochdeutsch reden. Und ihre direkte Art gefällt vielen nicht. "Der Deutsche" würde sagen: Ich krieg ein Bier. Und nicht: Ich hätte gern eins. Nicht nur in der Zentralschweiz, auch in Zürich haben viele Menschen hier zudem Angst, ihre Kultur und Sprache zu verlieren.

Deshalb habe ich mich auch sehr schwer getan, als ich nach Stationen in Dubai und Australien nach Zürich kam. Ich war es gewohnt, dass man nach der Arbeit noch einen Drink zusammen nimmt und sich so kennenlernt. In der Schweiz ist das ganz anders. Verabredungen werden manchmal Monate im Voraus geplant, alles läuft sehr strukturiert. Arbeit und Freizeit werden strikt getrennt.

Ich habe jetzt Schweizer Freunde gefunden. Ich fühle mich auch integriert. Aber ich bin immer noch "die Deutsche".

"Verheerende Signalwirkung"

Der Autor Moritz Adler arbeitet als Produktmanager für Smartphone-Apps in Zürich.

Die Schweiz ist ein schönes Land mit netten Leuten. Es lebt sich gut hier als Deutscher. Von Vorbehalten oder sogar Fremdenfeindlichkeit habe ich selbst in den viereinhalb Jahren, die ich hier lebe, nichts mitbekommen. Auch wenn ich schon davon gehört habe und es sie sicherlich gibt.

Das Paradoxe ist ja, dass dort, wo weniger Ausländer wohnen, die Ablehnung größer ist. Wie bei uns in Deutschland auch.

Der Ausgang des Referendums hat mich überrascht, weil ich ein anderes Ergebnis erwartet hatte. Das hat mich enttäuscht. Ich fühle mich davon zwar nicht persönlich angegriffen. Doch wie viele meiner Freunde aus der Schweiz und Deutschland bin ich schockiert. Von den Deutschen fürchtet jetzt zwar keiner um seinen Job oder dass er nicht wieder einreisen darf. Das Signal aber, das durch das Abstimmungsergebnis gesendet wird, trifft die meisten schon. Das Zusammenleben hier wird dadurch schwieriger.

Ich glaube dabei ja noch an die Mühlen der Bürokratie. Drei Jahre sind eine lange Zeit, da kann die Politik gute Lösungen finden, schon aus Eigennutz. Wirklich verheerend ist die Signalwirkung an die Wirtschaft. Es wird alles komplizierter. Ich habe ein Team von elf Mitarbeitern, darunter drei Schweizer. Wir arbeiten in einem High-Tech-Bereich, suchen nach den Topleuten unter den Programmierern. Es ist schon jetzt schwer genug, die besten Leute zu bekommen. Selbst bei unserem guten Gehalt hier.

Mehrheit ist nicht ausländerfeindlich

Wenn nun aber die Einwanderung von EU-Bürgern ähnlich kompliziert wird wie für Ausländer aus Südamerika oder Asien, steigt der Aufwand. Für Mitarbeiter aus diesen Regionen müssen wir jetzt schon einen jährlichen Nachweis erbringen, warum sie besser geeignet sind als Schweizer. Und es gibt Kontingente, die unter den Kantonen aufgeteilt werden. Das würde unsere Arbeit also erheblich erschweren.

Dabei gibt sich die SVP als Anstifterin der Abstimmung immer als wirtschaftsfreundliche Partei. Ihre Kampagne ist also schizophren, das dürft jetzt so mancher Unterstützer merken.

Denn die Mehrheit der Schweizer ist nicht ausländerfeindlich. Viele treibt aber eine gewisse Sorge angesichts des großen Zuzugs von Ausländern um. Insofern bin auch ich in Bezug auf das Ergebnis zwiegespalten, weil ich mich eigentlich hier wohlfühle, aber doch schockiert bin.

"Ergebnis unverständlich, geradezu surreal"

Der Autor Fabian Schöneich ist Assistenz-Kurator an der Kunsthalle Basel.

Es lebt sich als Deutscher sehr gut in der Schweiz. Seit 2006 lebe ich hier, erst in Zürich dann in Basel. Und auch wenn es 2007 schon eine Medien-Kampagne gegen Deutsche gab, habe ich persönlich bislang keine schlechten Erfahrungen gemacht. Das liegt natürlich auch an dem sehr offenen und internationalen Kunst- und Kulturbetrieb, in dem ich arbeite.

Der Ausgang des Referendums hat mich deshalb schon sehr überrascht. Ich finde das erschreckend und gefährlich, und ich bin ganz froh, in Basel-Stadt zu wohnen, wo die Begrenzung des Ausländerzuzugs mehrheitlich abgelehnt wurde.

Viele meiner Freunde und beruflichen Kontakte sind Schweizer. Die waren auch sehr schockiert. Zumal in Städten wie Basel die Atmosphäre so offen ist. Das macht das Ergebnis so unverständlich, geradezu surreal.

Propaganda aus der Nazi-Zeit

Die Abstimmung empfinde ich als eine Kampagne der SVP, mit der sie punkten will. Wie schon bei der Initiative gegen Minarette. Dabei ist es schon verstörend, was für Plakate im Zuge der Kampagne gehängt wurden. Die würde man in Deutschland niemals sehen, oder sie würden schnell zerstört. Fotomotive und die Direktheit der Botschaften haben mich stark an Propaganda aus der Nazi-Zeit erinnert.

Das Problem dabei ist auch, dass in der Schweiz kaum jemand flächendeckend über die positiven Seiten der Zuwanderung berichtet. Auf eine Weise, dass es auch die ländlichen Gebiete erreicht. Es wird vor allem die Angst vor allem Schlechten aus dem Ausland geschürt. Davon fühle ich mich persönlich zwar nicht angegriffen. Aber es ist erschreckend, dass es das gibt und solch billige Ideologie auch noch funktioniert.

Mit dieser Kampagne ist die SVP bei der ländlichen Bevölkerung erfolgreicher als in den Städten, da gibt es große Unterschiede. Während die Städte vom Zuzug der Ausländer profitieren, gibt es auf dem Land noch den alten Glauben an die Eidgenossenschaft, die ihren Bürgern zu Blüte und Reichtum verhilft. Sie haben nun Angst um ihren Wohlstand. Dabei kann eine isolierte Schweiz diese Garantie längst nicht mehr geben.

Leben Sie als Ausländer in der Schweiz? Wie bewerten Sie das Ergebnis der Volksabstimmung? Schreiben Sie uns. Entweder hier im Kommentarbereich oder über das Leserartikel-Formular, Stichwort "Schweiz".