Die Stimmung im großen Saal des Landgerichts war ziemlich geladen. Zunächst sagte am zwölften Verhandlungstag gegen den früheren Bundes- und niedersächsischen Ministerpräsidenten Christian Wulff und den Filmfinanzier David Groenewold als weiterer Zeuge ein Berliner Filmproduzent aus. Er hatte an dem Film mitgewirkt, für den Wulff Ende 2008 beim Siemens-Konzern um Unterstützung geworben hatte – nach Ansicht der Staatsanwaltschaft als Gegenleistung für seine Einladung durch Groenewold zum Münchner Oktoberfest kurz zuvor.

Die Aussage ergab allerdings wieder nichts Wesentliches, was diesen Vorwurf erhärtet hätte. Der Filmproduzent, an dessen Firma damals das von Groenewold geleitete Unternehmen Odeon mehrheitlich beteiligt war, erklärte vielmehr, man habe sich schon vorher bei Siemens um Hilfe bei der Vermarktung des Films über den früheren Siemens-Manager John Rabe bemüht. Von konkreten Schritten Wulffs wisse er nichts. Alle Bemühungen seien jedoch im Sande verlaufen.

Nach dieser weiteren für die Anklage enttäuschenden Vernehmung holte der Vorsitzende Richter Frank Rosenow aus. Offensichtlich heftig verärgert hielt er Oberstaatsanwalt Clemens Eimterbäumer vor, dieser wolle neue E-Mails als Beweismittel einbringen – obwohl die bisher weder dem Gericht noch der Verteidigung vorlägen. Darüber sei er "sehr erstaunt", blaffte er in Richtung Anklagebank und verlangte von Eimterbäumer in scharfem Ton eine Erklärung darüber, was bei der Staatsanwaltschaft und dem Landeskriminalamt noch an bisher vorenthaltenen Ermittlungsergebnissen vorhanden sei. Zudem rügte er, die Staatsanwaltschaft stelle während des laufenden Verfahrens offensichtlich weitere Ermittlungen an, was nach der Strafprozessordnung eigentlich verboten sei.

Nur matte Gegenwehr

Eimterbäumer, der dem Prozess eingangs eher phlegmatisch gefolgt war und zusehen musste, wie sich ein Zeuge nach dem anderen entweder nicht erinnerten konnte oder wollte oder zumindest  nicht die Anklage stützte, setzte sich nur matt zur Wehr. Die neuen Beweisanträge hätten sich aus der "Dynamik" des Prozesses ergeben, erwiderte er, immer wieder vom sonst eher leutseligen Richter unterbrochen. Einige E-Mails aus den verschiedenen sichergestellten Festplatten und Datenträgern habe man zudem erst jetzt entdeckt – was nicht unbedingt für die Akribie der Ermittler spricht.

Nach der Mittagspause kam es für die Staatsanwaltschaft noch dicker: Das Gericht lehnte eine ganze Reihe weiterer Beweisanträge ab, mit der die Ankläger doch noch ihren Vorwurf der Vorteilsannahme gegen Wulff und der Vorteilsgewährung gegen Groenewold erhärten wollten. In der von ihm verlesenen Begründung nahm Rosenow den von Beobachtern schon seit einiger Zeit erwarteten Freispruch für die beiden Angeklagten faktisch vorweg.

Kein Indiz für Korruption

In der ungewöhnlich ausführlichen und deutlichen Stellungnahme erklärte der Richter, es gebe "keine Anhaltspunkte" dafür, dass Wulff im Gegenzug für die Oktoberfesteinladung jenen Bittbrief an den damaligen Siemens-Chef Löscher geschrieben habe. Dagegen spreche schon, dass er sich bereits vorher für das in dem Film geschilderte Schicksal des Siemens-Managers Rabe interessiert habe, der während des Zweiten Weltkriegs in Nanking mehr als 200.000 Chinesen vor den japanischen Angreifern gerettet hatte und dafür in China bis heute verehrt wird.

Es gebe auch kein Indiz für eine "Unrechtsvereinbarung" zwischen Wulff und Groenewold, also einen Beleg dafür, dass sich der CDU-Politiker von dem Filmmanager bewusst hätte beeinflussen oder gar bestechen lassen. Als Jurist habe Wulff wissen müssen, dass dies strafbar gewesen wäre. "Es ist wenig lebensnah, dass er sich für einen geringen Vorteil hätte korrumpieren lassen", sagte Rosenow mit Nachdruck, und schmetterte damit den zentralen Vorwurf der Anklage ab.