Für einen Moment wurde es am vorletzten Verhandlungstag gegen Ex-Bundespräsident Christian Wulff und den Filmfinanzier David Groenewold ganz still im Großen Saal des Landgerichts Hannover. Oberstaatsanwalt Clemens Eimterbäumer sammelte sich, bis er zu seinem letzten, entscheidenden Vortrag ansetzte. Er begann, noch vor dem eigentlichen Plädoyer, mit einer Erklärung in eigener Sache an die Medienvertreter im Publikum und direkt an den Hauptangeklagten. Es wurde schnell klar, dass Eimterbäumer durch die Vorwürfe, die seit Beginn der Ermittlungen gegen Wulff auf ihn und die gesamte Staatsanwaltschaft in Hannover einprasselten, persönlich stark angefasst ist.

"Dieses Verfahren polarisiert außergewöhnlich stark", sagte der Staatsanwalt. Und mit Blick auf den ihm gegenübersitzenden Ex-Ministerpräsidenten fügte er hinzu: "Sie, Herr Wulff, waren Opfer böser Verdächtigungen." Gerade deshalb habe er sich nicht vorstellen können, dass Wulff und seine Verteidiger wiederum ihn unhaltbarer Verdächtigungen ausgesetzt hätten.

Einen der erhobenen Vorwürfe wies der Staatsanwalt besonders deutlich zurück: Die Ermittler hätten unter übertriebenem Jagdfieber gelitten. So habe man, anders als von Wulff in seiner Eingangserklärung behauptet, nicht im Ausland ermittelt, und es habe auch keine "Razzia" in seinem Haus gegeben. Vielmehr habe er auf ausdrücklichen Wunsch von Wulff auf einen richterlichen Durchsuchungsbeschluss verzichtet und den Termin für die Durchsuchung mit dem Bundespräsidenten persönlich abgestimmt.

Die Staatsanwaltschaft hätte sich stets um größtmögliche Offenheit bemüht. "Sie sollten vom Fortgang der Ermittlungen nicht zuerst aus der Presse erfahren. Allerdings habe ich diesen Wettlauf nicht immer gewonnen."   

"Ein Auswärtsspiel"

Dieser Verdacht ist seit der Affäre Wulff um Raum, und nun taucht er in der Affäre Edathy wieder auf: dass die Staatsanwaltschaft in der niedersächsischen Landeshauptstadt Ermittlungsergebnisse an die Presse durchsticht. Auch deshalb ist der Druck auf Eimterbäumer offenbar so stark, dass ihm sein Auftritt vor Gericht am heutigen Donnerstag wie ein "Auswärtsspiel" vor kommt.

In diesem Spiel geht es noch immer um die Frage, ob sich Wulff durch die Einladung von Groenewold zum Oktoberfest 2008 dazu verleiten ließ, sich beim damaligen Siemens-Chef Peter Löscher in einem Brief für ein Filmprojekt seines Freundes einzusetzen, und sich damit dem "Anschein der Käuflichkeit" ausgesetzt habe. Eimterbäumer verwies darauf, dass sich Korruption immer schwer beweisen lasse. Sie sei oft erst in der Gesamtschau der einzelnen Puzzlesteine zu erkennen.  

Indizien statt Beweise

Mangels klarer Beweise und eindeutiger Zeugenaussagen berief sich der Staatsanwalt auf eine Indizienkette. Es könne kein Zufall sein, dass sich Wulff und Groenewold kurz nach dem Oktoberfestbesuch parallel an Siemens gewandt hätten. Verschiedene Mails ließen vielmehr den Schluss zu, dass Groenewold Wulff um Hilfe gebeten und damit dessen Schreiben an Löscher "initiiert" habe.  

Eimterbäumers Plädoyer war am stärksten, als er aus diesem Brief zitierte. Wulff hatte es darin als "befremdlich" bezeichnet und sich "außerordentlich enttäuscht" geäußert, dass Siemens sich nicht stärker für den Film über den früheren Siemens-Manager John Rabe engagieren wolle. Anders als von Wulff dargestellt, so der Staatsanwalt, könne sich das nur auf Hinweise von Groenewold gestützt haben. "Gewichtige Umstände" belegten daher, dass sich Wulff auch von Wünschen seines Freundes habe leiten lassen. 

Dass der Filmfinanzier seinen Freund nur aus Großzügigkeit eingeladen haben will, weil ihm die Hotelrechnung (750 Euro) so überraschend hoch erschien, will der Staatsanwalt nicht gelten lassen. Dagegen spreche schon, dass er den Namen von Wulff und seiner Frau aus der Rechnung habe streichen lassen. Ein solches "undurchsichtiges Verhalten" sei ein Hinweis auf Korruption. Bei "lebensnaher Betrachtung" liege außerdem nahe, dass beide über diese Kostenübernahme gesprochen hätten. Wulff will dagegen davon nichts gewusst haben.