ZEIT ONLINE: Herr Hippe, Sie sind Leiter des Kriseninterventionsteams (Kit) Erding Freising. Wie oft müssen Sie ausrücken?

Klaus Hippe: Vergangenes Jahr hatten wir 200 Einsätze. Für 2014 sind wir bei momentan 36 Einsätzen. Wir werden bei jedem öffentlich-rechtlichen Großalarm gerufen. Also bei jedem Rettungseinsatz, bei dem Polizei und Rettungswagen noch Hilfe anforden.  

ZEIT ONLINE: Sie sind auch für Kriseninterventionen am Flughafen München zuständig. Wie handeln Sie bei einem Flugzeugunglück?

Hippe: In so einem Fall macht sich der Einsatzleiter umgehend ein Bild von der Lage. Wenn er dann einen Großalarm ausruft, haben wir ein Team von zwanzig aktiven Kriseninterventionshelfern und Notfallseelsorgern, alle mit rettungsdienstlicher Ausbildung. Die stehen sofort als individuelle Ansprechpartner am Flughafen zur Verfügung. Das Wichtigste ist aber, für die Angehörigen einen eigenen Raum zu schaffen. Ich war als Helfer nach dem Einsturz des Eisstadions in Bad Reichenhall vor Ort. Da haben wir auch Übernachtungen angeboten.

ZEIT ONLINE: Wie sieht die Betreuung der Angehörigen konkret aus?

Hippe: Das Wichtigste ist, für ihre Fragen da zu sein. Die Angehörigen müssen immer das Gefühl haben auf dem Laufenden zu sein. Bei dem Unglück in Bad Reichenhall war es total wichtig, alle halbe Stunde Informationen zu geben. Auch wenn es nichts Neues zu berichten gab. Dass sich die Angehörigen wie jetzt in Malaysia beschweren, dass sie keine Informationen bekommen – das darf natürlich auf keinen Fall sein. Ebenso müssen die Angehörigen von den Medien abschirmt werden. Und natürlich müssen die Leute auch genug zu trinken und zu essen haben. Auch wenn es banal klingt – das ist wichtig.

ZEIT ONLINE: Reagieren Angehörige unterschiedlich auf die Nachricht, einen nahen Menschen verloren zu haben?

Hippe:  Jeder trauert natürlich auf seine Weise. Der eine wirft sich schreiend auf den Boden. Der andere bleibt still in der Ecke hocken. Jeder Angehörige hat ganz individuelle Bedürfnisse. Es gibt auch Leute, die wollen gar kein Gespräch. Diese Menschen muss man in Ruhe lassen. Das muss man als Betreuer aushalten. Wichtig ist, dass man den Betroffenen signalisiert, dass sie jederzeit zu uns kommen können.

ZEIT ONLINE: Mit wem arbeiten Sie im Krisenfall zusammen?

Hippe: Neben Polizei und Rettungsdienst arbeiten wir vom Kit Erding Freising viel mit der Caritas zusammen, die nach solchen Unglücken die Betreuung traumatisierter Personen übernimmt. Dann kommen auch Psychologen zum Einsatz. Das ist aber erst der zweite oder dritte Schritt. Zuvor übernehmen wir zum Beispiel am Flughafen die Betreuung. Natürlich versuchen wir, schon von Beginn an den ein oder anderen Psychologen mit ins Team zu holen.

ZEIT ONLINE: Wer informiert Sie über ein Flugzeugunglück? Die Fluglinie?

Hippe: Generell ist die Fluglinie dafür zuständig. Wir haben hier am Flughafen München einen sehr guten Kontakt zu den Fluglinien der Star Alliance, die uns direkt informieren. Bei den anderen Airlines sind wir noch nicht so weit. Aber wir werden automatisch mit alarmiert, wenn es sich um einen Großeinsatz von Polizei und Rettungsdienst handelt.

ZEIT ONLINE: Bei einem Flugzeugunglück wären mehrere Hundert Angehörige zu betreuen. Wie können Sie das mit nur 20 Leuten stemmen?

Hippe: Wir sind hier in Bayern gut vernetzt mit den anderen Kits aus München, Landshut, Pfaffenhofen. In kürzester Zeit können wir  60, 70 Leute zusammenstellen. Alle haben die gleiche Kriseninterventions-Ausbildung absolviert. Bei sehr vielen Angehörigen würde ich eine Gruppenbetreuung einrichten, weil die Einsatzkräfte nicht ausreichen.