Ich lerne Farid Ende 2011 in Trier kennen. Er ist aus Afghanistan geflohen und hat in Deutschland Asyl beantragt. Zu dieser Zeit ist er 16 Jahre alt. In den kommenden Wochen ist er mein Schüler, denn ich unterrichte ehrenamtlich Deutsch als Fremdsprache am Trierer Multikulturellen Zentrum.

Minderjährige Flüchtlinge ohne Begleitung Erwachsener werden in Rheinland-Pfalz nach ihrer Ankunft zwei bis drei Monate in Trier untergebracht. Danach verteilt die Erstaufnahmeeinrichtung sie auf verschiedene Kommunen in Rheinland-Pfalz. Farid kommt Anfang 2012 nach Landau. Dort lebt er die nächsten 14 Monate in einer Jugendhilfeeinrichtung, lernt Deutsch und macht Praktika. Ich halte in dieser Zeit telefonisch Kontakt mit ihm.

Im Frühjahr 2013 wird Farid volljährig und bekommt deshalb keine Jugendhilfe mehr. Da Farids Asylverfahren aber immer noch läuft, ist jetzt das Sozialamt für ihn zuständig. Farids Sachbearbeiter meldet ihn zu einem Deutschkurs an, in dem sie in der ersten Stunde mit dem Abc beginnen, obwohl er längst passabel Deutsch spricht. Der Sachbearbeiter schlägt ihm außerdem vor, in einem 1-Euro-Job auf dem Bauhof zu arbeiten. Was Farid sich wünscht, fragt er nicht.

Farid will Kfz-Mechatroniker werden. Er weiß, dass er dafür einen Schulabschluss braucht. Also meldet er sich für ein Berufsvorbereitungsjahr an der Berufsschule Landau an. Obwohl er mit Deutsch immer noch Schwierigkeiten hat und er sich große Sorgen macht, ob er in Deutschland bleiben darf, geht Farid gerne zur Schule.

Im Dezember 2013 wird das Asylverfahren endlich abgeschlossen. Farid musste lange dafür kämpfen, nun darf er in Deutschland bleiben. Eine Folge dieser Entscheidung ist, dass nun nicht mehr das Sozialamt für ihn zuständig ist, sondern das Jobcenter.

Das Jobcenter lehnt Farids Antrag auf Hartz IV jedoch ab. Begründung: Wenn man eine Ausbildung absolviert, wozu auch eine Schulausbildung zählt, für die man "dem Grunde nach" Bafög beziehen könnte, erhält man kein Geld vom Jobcenter. Allerdings kann Farid auch kein Bafög bekommen, denn dafür müsste er mindestens vier Jahre in Deutschland gelebt haben.

Farid will natürlich nicht die Schule abbrechen, nur um Hartz IV beziehen zu können. Das Jobcenter hat ihm jetzt ein Darlehen angeboten für die Zeit bis zum Ende des Berufsvorbereitungsjahres. So würde Farid allerdings im Sommer mit etwa 3.000 Euro Schulden in die Ausbildungsplatzsuche starten, die für ihn schwieriger werden dürfte als für in Deutschland Geborene.

Falls Farid sich übrigens doch entscheiden sollte, die Schule abzubrechen, würde das Jobcenter ihn voraussichtlich in eine Bildungsmaßnahme vermitteln, um den Schulabschluss nachzuholen.