ZEIT ONLINE: Frau Roßmann, Sie haben bereits an neun Auslandseinsätzen teilgenommen. Was waren Ihre eindrücklichsten Erfahrungen?

Katalyn Roßmann: Ich hatte im Ausland viele Situationen, in denen ich mich persönlich entwickeln konnte, besonders dann, wenn ich im vorbeugenden Gesundheitsschutz für andere da sein konnte. Aber natürlich gab es auch kritische Situationen. Vor vier Jahren in Dschibuti wurde unser Auto in einem plötzlich überfluteten Flussbett abgeschwemmt. Ein peruanischer Arzt konnte nicht schwimmen, klammerte sich im Wasser an mich und drückte uns für knapp zwei Minuten unter Wasser. Dann ertrank er. Ich hatte Glück, bin wieder an die Oberfläche gekommen und konnte von einem Rettungstaucher und Hubschrauber der französischen Streitkräfte gerettet werden.


ZEIT ONLINE: Ihr Beruf kann immer wieder gefährlich sein. Gibt es deshalb das Klischee, Soldat sei ein Männerberuf?

Roßmann: Das Berufsbild des Soldaten beschränkt sich ja nicht ausschließlich auf die Kameraden der Kampftruppe – es gibt Infanteristen oder Kampfschwimmer, Logistiker, IT-Spezialisten, Vertreter nahezu aller Gesundheitsberufe bis hin zum Koch. Frauen sind nicht für alle physischen Aufgaben in der Bundeswehr gleich gut geeignet wie Männer – aber nein: Soldatsein ist kein reiner Männerberuf. 

ZEIT ONLINE: Was können Frauen in der Bundeswehr nicht so gut?

Roßmann: Was die physische Konstitution angeht, sind Frauen von Natur aus benachteiligt. Um bei der Kraft und Kraft-Ausdauer mit den Männern gleichzuziehen, müssen sie etwa dreimal soviel trainieren. Deshalb gibt es zum Beispiel bei den Spezialkräften auch kaum Frauen, da sie bereits bei der Erfüllung der physischen Auswahlkriterien Schwierigkeiten haben.

ZEIT ONLINE: Sind Frauen also für das Heer nur in Ausnahmefällen zu gebrauchen?

Roßmann: Die Bundeswehr muss in erster Linie ihren Auftrag erfüllen können, sie ist Werkzeug der Politik für unseren Staat. Und da darf sie keine Abstriche bei der Leistung machen. Wenn man diese nicht bringt, wenn man zum Beispiel einen Verwundeten nicht tragen kann, wird man auch zur Gefahr für die anderen. Das gilt übrigens auch für Männer.

ZEIT ONLINE: Wie haben Sie das geschafft?

Roßmann: Körperlich bin ich mit ganz guten Voraussetzungen gestartet. Ich habe seit dem 11. Lebensjahr Modernen Fünfkampf trainiert, also Reiten, Fechten, Schießen, Laufen und Schwimmen. Das ist eine klassische Offizierssportart und war später ein Grund dafür, weshalb ich zur Bundeswehr gehen wollte. Mir hat die militärische Ausbildung viel Spaß bereitet. Bis ich schwanger wurde, bin ich fast jeden Morgen 10 Kilometer gelaufen, ich reite und schieße noch. So konnte ich körperlich immer gut mithalten.

ZEIT ONLINE: Welche Fähigkeiten sollten Frauen noch mitbringen?

Roßmann: Es ist einfacher, als Kamerad akzeptiert zu werden, wenn man körperlich mithalten kann. Aber klar, man muss auch psychisch fit sein, selbstbewusst, selbständig und auf die Sache konzentriert. Das Problem ist, und das kann man in vielen Studien nachlesen, dass Mädchen immer noch anders erzogen werden. Im Kindergarten, in der Schule und im Elternhaus werden sie oft gelobt, wenn sie lieb, brav und nett sind und am besten noch weiblich und charmant. Jungs dagegen werden für inhaltliche Dinge gelobt, für sportliche oder fachliche Leistungen. Doch wenn eine Frau in der Truppe als zu freundlich und angepasst auftritt, hat sie es schwer. Das wird schnell als Schwäche ausgelegt. Dass Männer und Frauen auf Augenhöhe zusammenarbeiten können, hat für mich mit Aufklärung und Mündigkeit zu tun. Und da sehe ich in unserer Gesellschaft noch Defizite. Da gilt für die Bundeswehr nichts anderes als für die ganze Gesellschaft: Mündige Frauen, die eine Meinung haben und eigenverantwortlich sind, also nicht auf den Prinzen oder Ritter warten, der sie glücklich macht, kommen in der Bundeswehr sehr gut zurecht.