Am 1. Mai soll es losgehen mit einer ganz speziellen Putzkolonne in der Essener Innenstadt. Dann bekommen fünf Alkoholsüchtige zwei Dosen Bier und einen Besen in die Hand und sollen den Willy-Brandt-Platz und den Waldthausenpark sauber halten, wo sich die Trinkerszene verstärkt trifft. Neben Bier und einem warmen Mittagessen erhalten sie 1,25 Euro Stundenlohn. So weit der Plan.        

Fegende Trinker – auf diese Weise will die Stadt Essen zwei Probleme gleichzeitig angehen: Denn es geht ihr nicht nur um Sauberkeit, sondern auch um Suchtbekämpfung. Seit Jahren ist die Trinkerszene in der Innenstadt nicht in den Griff zu kriegen. Die Ladenbesitzer der Fußgängerzone beklagen Müll, Pöbeleien und übelriechende Fäkalien. 

Sie fürchten Umsatzeinbußen, die Stadt Essen einen bleibenden Imageschaden. Im Januar kam Essens Sozialdezernent Peter Renzel (CDU) die Lösung: Alkohol- und Drogenabhängige sollen ihre Treffpunkte selbst reinigen. Die Stadt zahlt ihnen etwas Geld, die Suchthilfe übernimmt die Betreuung. Vielleicht springt noch eine öffentliche Toilette raus.  

Scheinheilige Idee

Das Essener Alkoholkonzept nach Amsterdamer Vorbild ist ein Pilotprojekt in Deutschland. Es könnte zum Modell werden für Städte, die wie Essen wenig Geld für Arbeitsbeschaffung ausgeben können, und nicht wissen, was sie mit ihren Suchtkranken machen sollen. Doch taugt es zur wirkungsvollen Suchttherapie?

Kaum war der Plan lanciert, hagelte es Kritik: Die Stadt beute die suchtkranken Menschen aus: Anstatt ihnen einen Therapieplatz anzubieten, wolle man sie als billige Arbeitskräfte einsetzen. Als "scheinheilig" bezeichnete die Obdachlosenhilfe "linker Niederrhein" Renzels Idee. Und überhaupt sei die öffentliche Bierversorgung doch widersinnig. Schließlich wolle man den Trinkern doch den Griff zur Flasche abgewöhnen. Wie könne man das als Suchtbekämpfung darstellen?        

Reduzieren leichter als ganz verzichten

Der Therapieansatz, der im Essener Pilotprojekt zum Einsatz kommt, greift eine Erfahrung der Suchtforschung auf. Für Schwersüchtige ist Abstinenz kaum erreichbar. Deshalb sollen sie besser regelmäßig weniger Rauschmittel einnehmen, als einen schweren Rückfall zu erleiden.

Kontrollierter Konsum heißt der Ansatz in der Suchthilfe. Bei harten Drogen ist er seit Jahrzehnten anerkannt. Bei Alkohol galt bislang: Nur wer ganz verzichtet, kann geheilt werden. Doch die Abstinenztherapie wird zunehmend in Frage gestellt: Der komplette Verzicht auf die Volksdroge Alkohol fällt vielen schwer.

Für Oliver Balgar von der Suchthilfe Essen ist es deshalb kein Widerspruch, Suchtkranken bei der Arbeit ein paar Bier zu spendieren. Im Gegenteil. "Es handelt sich um schwerstabhängige Menschen. Ohne das Bier wären sie morgens gar nicht in der Lage, rauszugehen", sagte Balgar bei der Vorstellung des Projekts.  

Auch Vitamine und Ansprechpartner

Es gehe schließlich nicht um das Bier. Seiner Erfahrung nach ist Alkohol aber ein Mittel, um diese Leute zu erreichen. Personen, die teilweise seit Jahrzehnten schwer süchtig sind, würden ohnehin weitertrinken. Aber vielleicht weniger. Hochprozentiges sollen sie nicht bekommen.  

Die Suchthilfe versorgt dann die Kranken medizinisch, verabreicht Vitaminspritzen, ist Ansprechpartner. Diejenigen, die sich auf die "Tagesstruktur durch Beschäftigung für mehrfach Abhängige" einlassen, wie das Projekt offiziell heißt, entkommen im besten Fall ihrer Sucht. Ein geregelter Arbeitstag, eine Aufgabe in der Gesellschaft. All das könnte der Einstieg in den Ausstieg sein, glaubt Balgar: "Weil Arbeit dem Menschen einen Sinn geben kann." Er selbst bezeichnet das Essener Alkoholprojekt auch gar nicht als Suchttherapie, sondern als "pragmatische Lösung". 

Viele Suchtkranke wollen arbeiten      

Für den Suchtexperten Joachim Körke von der Fachhochschule Nürnberg ist der Ansatz dennoch lobenswert: "Es ist an sich eine prima Sache, da Ein-Euro-Jobs bei Suchtkranken erwiesenermaßen eine stabilisierende Wirkung haben." Körke, der suchtkranke Wohnungslose zum kontrollierten Konsum anleitet, geht der Ansatz jedoch nicht weit genug: "So wie ich das Projekt verstehe, kommt es mir nicht nachhaltig vor. Dazu müsste man gezielter an der Motivation der Kranken arbeiten, den Alkoholkonsum zu reduzieren." 

Und warum die Essener Suchthilfe das Bier selbst zur Verfügung stellen will, macht für den Psychologen Körkel keinen Sinn. "Ich glaube nicht, dass dies notwendig ist. Die Leute machen auch so mit, sofern es keine erniedrigende Arbeit ist." Eine Umfrage der Suchthilfe Essen bestätigt diese Vermutung. Von den rund 250 bekannten Schwerabhängigen wünschen sich drei Viertel  einen geregelten Tagesablauf. Dafür würden sie auch einen Ein-Euro-Job annehmen. Mit oder ohne Bier.