Die Weißwäscher

Es ist ein schöner Zug, wenn Freunde, Vereinskameraden oder Glaubensbrüder einen Beschuldigten nicht wie eine heiße Kartoffel fallen lassen. Loyalität und Solidarität dürfen sogar dann nicht enden, wenn sich der erhobene Vorwurf als zutreffend erweist. Beides bewährt sich aber nicht dadurch, dass man Fehler kleinredet, Unbußfertigkeit unterstützt oder trotziges Selbstmitleid bestätigt. Loyal und solidarisch ist vielmehr, wer dem "Sünder" Hilfe leistet zu einer realistischen Lageanalyse, kompetenten Schuldbewältigung und tragfähigen Versöhnung. Zugleich wird man sich nach außen hin um Deeskalation bemühen: aggressive Ankläger zur Mäßigung aufrufen, mildernde Umstände geltend machen, an Verdienste des Bloßgestellten erinnern, ihn nach Möglichkeit eine Zeitlang aus der öffentlichen Schusslinie holen.

Diese praktischen Loyalitätserweise nach innen und nach außen müssen allerdings ineinandergreifen. Sie dürfen keine Schlagseite zugunsten bloßer Außenverteidigung haben, weil Kritiker sich zu Recht erst dann besänftigen lassen, wenn der Verstoß gegen die moralische Ordnung "geheilt" ist durch Einsicht, Reue, Bekenntnis, Buße und, so weit möglich, Wiedergutmachung. Sonst dauert der Skandal an – und damit die Skandalisierung. Sie ist dann keine böswillige "Kampagne", sondern ein hartnäckiges Pochen der Gemeinschaft auf die Geltung ihrer ethischen Regeln.

Eine Kirche hat es in solch einem Konflikt schwerer und leichter zugleich: Schwerer, weil sie nicht irgendeine Gemeinschaft mit einem "Korpsgeist" ist, der einen für alle und alle für einen eintreten lässt, sondern eine moralische Autorität, die ein "Wächteramt" in der Gesellschaft wahrnimmt. Auch nichtchristliche Bürger haben legitime Erwartungen an einen Bischof: Gewissenhaftigkeit, Ehrlichkeit, Gemeinwohlorientierung, Dialogfähigkeit, soziale Sensibilität, angemessener Umgang mit finanziellen Ressourcen. Leichter sollte es die Kirche insofern haben, als sie ein erprobtes und verfeinertes Instrumentarium zur Pflege von Normen und Tugenden, zur Läuterung, Schuldbewältigung und Befriedung besitzt.

All dies konnte die Limburger Bischofsaffäre nicht einhegen oder verkürzen. Die Ursache dafür liegt vor allem in Bischof Tebartz-van Elst selbst: Er handelte erst unwahrhaftig, unstatthaft und vielleicht sogar unrechtmäßig und weigerte sich dann monatelang, das öffentliche Ärgernis auszuräumen durch eine konkrete, qualifizierte Entschuldigung und das Angebot des Amtsverzichts. Um dieses auszulösen, hätte schon die eidesstattlich bekräftigte Falschaussage über seinen Indienflug in der First Class ausgereicht. Ein der Lüge oder sogar des Meineids überführter Bischof ist untragbar, ein absolutes No-Go. Der einfache Satz: "Wir haben Business-Class gebucht und sind dank eines Upgrades dann First Class geflogen", wenn nicht sofort gesprochen, dann rasch als schriftliche Klarstellung nachgeschoben, hätte diesen peinlichen Teil der Affäre vermeiden können. Stattdessen ging Tebartz-van Elst juristisch auf den Spiegel los und musste sich von einer drohenden Verurteilung freikaufen. Für einen Bischof kann die Heilung eines öffentlichen Verstoßes gegen das achte Gebot aber nicht allein in der Zahlung von 20.000 Euro bestehen. Die Rechtsordnung garantiert nur ein "ethisches Minimum" (Georg Jellinek), von einem Diener Gottes erwartet man mehr.

Auf der anderen Seite trugen Inhalt und Form mancher Medienberichte nicht zur Versachlichung, sondern zur Blockade selbstkritischer Einsicht beim Bischof und seinen Anhängern bei: durch polemische Übertreibungen ("Protzbischof"), falsche Suggestionen (goldene Monstranz in der Liturgie zur Luxus-Illustration), öffentliche Krankheitsdiagnosen, Falschmeldungen (15.000-Euro-Badewanne, Temperaturfühler als Abhörgerät), ungerechte Verdikte ("Sparkassenästhetik"). Solche Fehlleistungen verdunkelten den verdienstvollen Beitrag der Medien zur Aufklärung, luden den Beschuldigten zur Selbstviktimisierung ein. Seine Unterstützer nutzten die Chance, um vom Vorwurf der Unehrlichkeit und Verschwendung abzulenken und sich in das altbekannte Muster der antikatholischen Medienkampagne zu flüchten.

Mancher bistumsinterne Gegner des konservativen Bischofs begünstigte durch kirchenpolitisch gefärbte Einlassungen bis hin zur Kritik an der "merkwürdigen Entscheidung" des Papstes, eine Auszeit zu verordnen, die falsche Reduktion des Konflikts auf einen theologischen Richtungsstreit. Damit wurde ein beliebtes Deutungsmuster der Tebartz-Apologeten bedient. Sie fragte statt nach Fakten und Normen nur nach Motiven und riefen einen "Kirchenkampf" aus, in dem man sich als guter Katholik für die richtige von nur zwei Seiten zu entscheiden habe. Der Limburger Bischofsstuhl sei als Bastion der "Romtreue" unbedingt zu halten.

"Selbst wenn der Bischof gelogen hat - so what?"

Dieser vereinfachenden Sicht der Dinge wäre das ultrakatholische Milieu aber wohl auch ohne die Fehlleistungen der Bischofskritiker erlegen. Zu sehr hat es mittlerweile die Wagenburgmentalität verinnerlicht, die von der "Welt" und vom "verweltlichten" Mainstream der Kirche nur noch Schlechtes erwartet. In den eigenen Reihen werden falsche Helden und geradezu katakombensüchtig falsche Märtyrer kreiert, die in Wirklichkeit weniger für ihre Glaubensüberzeugungen als wegen ihrer Inkompetenz leiden. Mal ist es ein als Geschichtsdeuter überforderter Provinzpolitiker, dann ein nur gesinnungstüchtiger, sich maßlos überschätzender Journalist oder eben jetzt ein charakterlich seinem Amt nicht gewachsener Bischof.

Die desorientierten Unterstützerkreise spielten in der Limburger Affäre in mehrfacher Hinsicht eine fatale Rolle: Sie bestätigten Tebartz-van Elst durch Solidaritätsadressen und Durchhalteparolen in seiner Selbstgerechtigkeit, seinem Realitätsverlust und im Amtsklammern. Sie verzögerten in Gestalt ranghoher römischer Kurienprotagonisten und Emissäre aus Deutschland eine raschere Klarsicht bei den vatikanischen Entscheidern. Noch nachhaltigeren Schaden aber könnten sie angerichtet haben durch ihre totalapologetischen Einlassungen in der Medienöffentlichkeit, in Talkshows, Radiointerviews und Zeitschriftenartikeln. Denn wer schon bei einer ganz profanen Wahrheits- und Moralfrage dermaßen irrlichtert, braucht zur Verkündigung letzter Wahrheiten und Normen nicht mehr auf die Kanzel zu steigen. Wer einen unwahrhaftig und verschwenderisch agierenden Bischof deckt, wird als Zeuge für Dogma und Sitte nicht mehr ernst genommen. Er nährt den Verdacht, auch beim Glauben könne es sich bloß um eine Projektion und Selbstsuggestion nach dem Motto handeln: Was der Mensch wünscht, glaubt er gerne. Wenn meine Ideen nicht mit der Wirklichkeit übereinstimmen – Pech für die Wirklichkeit! Was mein Vorurteil stört, wird wegselektiert, relativiert, verdrängt.

Im konkreten Fall kulminierte diese normalerweise unterbewusst ablaufende Immunisierung gegen dissonante Informationen in ausdrücklicher moralischer Wurstigkeit. So antwortete ein bekannter katholischer Medienmacher, mit der "Fluglüge" konfrontiert: "Selbst wenn der Bischof bewusst gelogen hat ... so what?" Bei so viel Kaltschnäuzigkeit, um nicht zu sagen Zynismus, verliert man den letzten Respekt vor der angeblichen Glaubenselite, fällt einem nichts mehr ein. Außer einem sprichwörtlich gewordenen Bekenntnis zum bedingungslosen Patriotismus: "Right or wrong – my country!" Hier: "my bishop". Lagermilitanz führt zu einer Rudelmoral, und die hebelt die christliche Universalethik aus. Die alte Versuchung religiöser Fanatiker blitzt auf: Der Zweck heiligt die Mittel. Was ist schon so eine kleine Lüge gegen die große Wahrheit? So einfach kann man es sich machen.

Dagegen würde die Korrektur festgefügter Meinungen über den "fabelhaften jungen Bischof", in denen man sich so behaglich eingerichtet hat, Anstrengung und Stress bedeuten. Die Strategien zur Vermeidung solcher "kognitiven Dissonanz" können sogar professionelle Entscheidungskriterien überlagern. So zeigte eine Studie über den "Einfluss von Sympathie oder Antipathie auf das journalistische Verhalten von Tageszeitungsredakteuren bei Konflikten um Politiker" (Matthias Rosenthal, 1987), dass es bei Journalisten eine Tendenz gibt, negative Meldungen über missliebige Politiker auch unter Verletzung der Sorgfaltspflicht zu veröffentlichen, während solche Meldungen über Politiker, die ihnen politisch nahestehen, eher zurückgehalten und erst gründlich geprüft werden.

"Ist doch genau das, was die Medienkampagne gegen den quer zum Zeitgeist stehenden Limburger Bischof erklärt!", würden dessen Unterstützer dazu sagen – und hätten hinsichtlich mancher journalistischer Motive nicht einmal ganz Unrecht. Doch sind sie blind dafür, dass sie selbst in ihrer Wahrnehmung und Kommentierung des Skandals dem gleichen Zusammenhang erliegen, nur in umgekehrter Richtung. Im geistigen Gefängnis ihrer apriorischen Parteilichkeit fokussierten sie sich von Anfang an auf vermeintlich entlastende Tatsachen und Lesarten, versuchten die Belastungszeugen zu diskreditieren und interpretierten die Falschaussage des Bischofs zu seinem Flug spitzfindig zur ehrlichen Auskunft um.

Was sie auch übersehen: Noch so viel Voreingenommenheit journalistischer Gegner können einen Amtsträger letzten Endes nicht zu Fall bringen, wenn er sich nichts zuschulden kommen lässt, sich frühzeitig und adäquat für Fehler entschuldigt oder falschen Anwürfen sachlich korrekt entgegentritt. Sturz und Freispruch von Christian Wulff widerlegen diese These keineswegs. Dass dem Ex-Bundespräsidenten bei Gericht keine Vorteilsnahme nachgewiesen werden konnte, muss noch lange nicht heißen, dass er beim Fraternisieren mit den Reichen und Kulturprominenten akzeptabel im Sinne der Amtshygiene agiert hätte. Schon gar nicht waren seine Reaktionen auf die Medienberichterstattung adäquat. Und am Anfang stand auch hier der Täuschungsversuch mit einer Halbwahrheit: jener zum Geerkens-Kredit vor dem Niedersächsischen Landtag.

Im Staat kann so ein Umgang mit der Wahrheit das Image von Politikern beschädigen und Politikverdrossenheit schüren. Die Demokratie als solche muss deshalb, wie Umfragen zeigen, noch nicht an Anhängern verlieren. Sie kann auf handfeste positive Erfahrungswerte und negative Gegenschablonen von Diktatur bauen. Bei einer Kirche, die weit spekulativere Inhalte glaubhaft zu machen hat als jede politische Partei, schlägt mangelnde Wahrhaftigkeit hoher Repräsentanten viel leichter auf das ideelle Fundament durch. Der Glaube lebt mangels empirischer Überprüfbarkeit oder "Gotteserfahrung" durch jedermann wesentlich vom Fremdzeugnis. Fehltritte von "Gottes Bodenpersonal" wird man vernünftigerweise zwar immer einkalkulieren. Wenn dann aber die Selbstreinigungskräfte versagen oder nur unter dem Druck der Öffentlichkeit gegen den Widerstand des frommen Milieus langsam in Gang kommen, ist es mit dem Nimbus der "societas perfecta" und des "corpus Christi mysticum" vorbei. Dann erscheint die Kirche wie jeder x-beliebige Verein, der seine Fassade pflegt, hinter der es um ganz banale Eigeninteressen statt um überindividuelle Ideale geht, vorzugsweise um die Interessen des Vorstands.

Wie der ADAC Auto-Rankings und Abstimmungsbeteiligungen frisierte, so frisierte Tebartz-van Elst den tatsächlichen Komfort seines Indienflugs zu den armen Menschen, "die schon so lange auf mich warten mussten", sowie die Kosten seiner als "diözesanes Zentrum" etikettierten Residenz, die einen Designergarten für 700.000 Euro und ein bischöfliches Schlafzimmer von 48 Quadratmetern brauchte. Dagegen fällt eine frei stehende Luxusbadewanne, auch wenn sie "nur" 3.000 statt 15.000 Euro gekostet haben sollte, in die Rubrik "Peanuts". Ein Milieu, das sich an den Strohhalm dieser Miniatur-Medienente klammert, um die Abwegigkeit der Vorwürfe gegen den Bischof zu belegen, ist argumentativ bankrott. Es bedarf dessen, was es seinen reformkatholischen Gegnern gern als Therapie ansinnt: der Entweltlichung.

Papst Benedikt mahnte in seiner Freiburger Rede eine "totale Redlichkeit" an; es gelte, "jede bloße Taktik abzulegen", nichts von der Wahrheit auszuklammern, zu der auch die "Unbotmäßigkeit der Verkünder des Glaubens" gehört, und eine Kirche zu suchen, "die sich ihres weltlichen Reichtums entblößt". Papst Franziskus knüpft daran an mit seiner Kritik an einer "narzisstischen" Kirche, die nur noch um ihre eigene Ästhetik, ihr Ansehen, ihre Pfründen und ihre Leiden an der bösen Welt kreist. Gerade für die erklärtermaßen "Papsttreuen" besteht also Anlass zur Umkehr von ihrer Limburger Geisterfahrt. Sie sollten sich der Einsicht öffnen, dass die päpstlichen Ermahnungen auch sie selbst treffen, vielleicht gerade sie.