Kasselt stellt außerdem fest: "Seit 2002 gibt es einen klaren Trend zu schärferen Urteilen in Ehrenmorden. In Fällen von Partnertötungen ohne Ehrhintergrund lässt sich das nicht beobachten". 2002 hatte der Bundesgerichtshof im sogenannten "Bremer Bunkermordfall" mit deutlichen Worten darauf hingewiesen, dass es in der Regel als "niedriger Beweggrund" und damit als Mord gilt, wenn jemand aus Ehrgründen tötet. Nur in Ausnahmefällen können die Gerichte berücksichtigen, dass ein Täter die Niedrigkeit seiner Beweggründe nicht erkennen kann, weil er in bestimmten familiären und kulturellen Vorstellungen besonders stark verwurzelt ist. Grundsätzlich gilt jedoch, dass abweichende Wertvorstellungen keine Rolle spielen.

Kollektive Ehre und männliche Ehre

"Man darf auch nicht vergessen, dass es um sehr wenige Fälle geht", betont Kasselt. "Ich glaube, dass dieses Phänomen nach und nach verschwinden wird." Schon 2011 hatte Kasselt zusammen mit dem Kriminologen Dietrich Oberwittler im Auftrag des Bundeskriminalamtes Ehrenmorde untersucht. Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass bei einer Gesamtzahl von etwa 700 Menschen, die pro Jahr in Deutschland Opfer einer Straftat werden, etwa 12 Ehrenmorde von der Justiz erfasst werden. Dazu gehören aber auch viele Fälle in der "Grauzone zwischen kollektiver Familienehre und individueller männlicher Ehre". Ehrenmorde im engeren Sinne seien die, in denen Mädchen oder junge Frauen von Blutsverwandten getötet werden, um die Familienehre wieder herzustellen – und davon gibt es nur etwa drei pro Jahr. Die meisten Frauen werden von ihrem Mann oder Freund getötet, weil sie die Beziehung beenden oder weil sie eine neue Beziehung eingehen.

Andere Rechtswissenschaftlerinnen wie Ulrike Lembke und Lena Foljanty sprechen sich deshalb dafür aus, zwischen "Ehrenmorden" und "normalen" Partnertötungen gar nicht mehr zu unterscheiden. In einem Fachartikel aus dem Jahr 2013 kritisieren sie, die Diskussion über die kulturellen Vorstellungen der Täter lenke davon ab, dass Männer Frauen oft wegen ihres männliches Besitzdenkens töten. In diesen Fällen seien die Gerichte jedoch eher bereit, die Gefühle von Verzweiflung und Ausweglosigkeit des Täters strafmildernd zu berücksichtigen – in Ehrenmord-Fällen werde das hingegen oft nicht geprüft.

Kasselts Studie scheint zu bestätigen, dass Ehrenmorde eher strenger bestraft werden als andere Partnermorde. Kasselt betont: "Letztlich müssen die Gerichte in jedem Einzelfall alle individuellen Umstände prüfen. Und das ist ja auch richtig so." Nach allem, was bisher bekannt ist, dürfte das Landgericht Wiesbaden genau das getan haben.