Sie tanzen, lachen, albern herum. Im Wembley-Stadion, im Supermarkt, in Parks und auf der Straße. Männer, Frauen und Kinder mit pakistanischen, arabischen, europäischen oder schwarzafrikanischen Wurzeln sind in einem der neuesten Videos zu Pharrell Williams' Welthit Happy zu sehen. Gefilmt wurden sie in verschiedenen Städten Großbritanniens. So unterschiedlich wie die Drehorte sehen die tanzenden Protagonisten aus: Frauen mit Kopftuch hüpfen neben Frauen mit offenen Haaren, Männer im Anzug tänzeln elegant vorbei, ein älterer Herr wippt mit seinem Stock im Takt. 

Zwar ebbt insgesamt das Interesse an immer neuen Varianten der inzwischen fast 1.400 Happy-Videos ab – aber der jüngste britische Film schaffte es innerhalb einer Woche, über 1.3 Millionen Klicks auf YouTube zu generieren und stößt weltweit auf Interesse. Denn Happy British Muslims ist die erste explizit muslimische Version der Hymne an die Glückseligkeit.

Die Bilder von unbefangen lachenden und tanzenden Muslimen, die die Musik eines amerikanischen Popstars neu inszenieren, wollen auf den ersten Blick nicht zur verbreiteten Vorstellung einer abgeschotteten, ernsten und nach strengen Regeln lebenden muslimischen Gemeinschaft passen. In den Medien tauchen Muslime oft im Zusammenhang mit Konflikten auf:  Kopftuch-Debatte, fehlende Frauenrechte, Integrationsprobleme. Positive Meldungen, etwa über muslimische Künstler, Aktivisten oder Politiker, finden selten den Weg in die Schlagzeilen und ins gesellschaftliche Bewusstsein.

Das wissen auch die Initiatoren von Happy British Muslims – und präsentieren mit ihrem Video eine ganz eigene Reaktion auf diese Probleme: "Auf die negative Presse, Klischees und Diskriminierung sollten wir mit Freude und einem Lächeln antworten, nicht mit Wut", heißt es im Blog The Honesty Policy. Das britische Blogger-Kollektiv, das sich auch in sozialen Projekten engagiert, tritt anonym auf. Sie sind Muslime, nur das geben sie preis. Mit ihrem Video, so schreiben sie, wollen sie die muslimische Gemeinschaft Großbritanniens als das zeigen, was sie ist: Vielseitig, kreativ, qualifiziert – und offen für äußere Einflüsse. Ganz bewusst habe man deshalb auch öffentliche Plätze als Drehorte gewählt: Muslimisches Engagement solle sich nicht nur in Moscheen, Konferenzräumen, Koranschulen und innerhalb der Strukturen britischer Islam-Verbände abspielen.


Auch Kübra Gümüşay ist in dem Video zu sehen. Die Bloggerin und Journalistin, die auch für deutsche Medien tätig ist, lebt seit 2011 in Oxford. "Es geht in diesem Video nicht um Personenkult, das Ego spielt keine Rolle. Es ist tatsächlich ein gemeinschaftliches Projekt", sagt Gümüşay. "Die Intention, in dem Video aufzutreten, war nicht primär, Stereotype aufzubrechen, sondern Spaß und Freude zu verbreiten." Trotzdem sei es eine Möglichkeit, die muslimische Gemeinschaft Großbritanniens in ihrer ganzen Vielfalt zu zeigen: "Alle Altersklassen, ethnischen Hintergründe und religiösen Richtungen sind vertreten", erklärt die 25-Jährige, die in London studiert hat.

So wie Gümüşay gehören viele der im Video auftretenden Happy Muslims zu einer intellektuellen oder künstlerischen muslimischen Elite Großbritanniens: Neben der britisch-pakistanischen Politikerin Salma Yaqoob und der Schriftstellerin und Journalistin Myriam Francois-Cerrah sind auch die Rapperin Tanya Muneera Williams und die Malerin Hannah Habibi Hopkin dabei. Es treten der Cambridge-Professor Abdel Hakim Murad, der Modedesigner Waqaas Ahmed und der britisch-pakistanische Journalist Mohammed Ansar auf. Sie alle suchen ihren eigenen Weg zwischen Moderne und Tradition, Individualität und religiösen Regeln, kollektiven Erwartungen und eigenem Anspruch. So aktiv sie auch sind, oft werden sie von den britischen Medien und der Gesellschaft übersehen.

Nachahmer in Deutschland


Das kennt auch Younes Al-Amayra. Der Berliner gehört zum Team von i’Slam, einem Veranstalter von Poetry Slams für muslimische Nachwuchsdichter. Gerade künstlerisches und soziales Engagement von Muslimen werde auch in Deutschland noch oft übersehen, sagt Al-Amayra. Der 28-Jährige arbeitet neben seinem Engagement bei i’Slam an seiner Dissertation über muslimische Jugendkultur – und beschäftigt sich dabei auch mit den muslimischen Bildungseliten. Die Akteure dieser Szene möchte Al-Amayra nun gemeinsam mit seinen Mitstreitern von i’Slam endlich einem breiten Publikum zeigen: Mit einer deutschen Version der Happy Muslims. Er ist überzeugt, mit dem Hit ein großes Publikum erreichen zu können: "Der Song funktioniert noch immer. Das ist eine großartige Möglichkeit, zu zeigen, wer wir sind." Muslimische Künstler, politisch und sozial Engagierte, Designer – sie alle sollen in der deutschen Version sichtbar werden. Lächelnd, fröhlich und vor allem menschlich.

Die britisch-muslimische Glückseligkeit hat schon vorher andere Nachahmer gefunden: Seit Montag ist Happy Chicago Muslims! online, über 20.000 User klickten das Video bereits an. Wie beim britischen Vorbild gibt es auch hier kritische Kommentare: Ob es schicklich für Muslime sei, zur Musik eines US-amerikanischen Popstars durch die Straßen zu hüpfen, bezweifeln einige von ihnen. Auch die Frage, wie sinnvoll es denn überhaupt sei, der Reihe von Städte-bezogenen Glücksbotschaften nun auch noch explizit muslimische Versionen hinzuzufügen, wird aufgeworfen. In einem Facebook-Kommentar heißt es: "Zu zeigen, dass Muslime tanzen können und wollen, ist so, als würde man weiße Menschen dabei zeigen, wie sie Fastfood essen oder Schwarze, die schwimmen können."

Kübra Gümüşay bleibt entspannt: "Dass es auch kritische Reaktionen geben würde, habe ich erwartet", sagt sie. "Es gibt gesunde Kritik, die wichtig für das Miteinander ist." Die positiven Reaktionen würden jedoch deutlich überwiegen.