"Der Karneval ist vorbei", soll Papst Franziskus nach seiner Wahl vor gut einem Jahr gesagt haben, als er aufgefordert wurde, die historische Garderobe seiner Vorgänger aufzutragen. Wahrscheinlich ist der Satz gut erfunden. Franziskus mag es schlicht, eher preiswert und weltzugewandt. Auch bei den Heiligsprechungen hat er ein Zeichen gesetzt und eine neue Bescheidenheit angesagt. Und Wasser in den Wein der vorerst finalen Prunksitzung gekippt. 

Das Zeichen spricht Bände. Die Erhebung Johannes Pauls des Großen und Einzigen ist gescheitert. Auch wenn die Feier auf dem Petersplatz – eine Premiere – weltweit in 500 Kinos übertragen wird. Noch kämpft Stanislaw Dziwisz, der langjährige Sekretär Papst Johannes Pauls II. und sein Nachnachfolger als Erzbischof von Krakau. Dziwisz kämpft darum, den polnischen Papst zum Weltheiligen zu machen und seine naive, unbefangene, mystische und rückwärtsgewandte Frömmigkeit zur Weltreligion.

Der Erzbischof hat die angeblich durch Johannes Paul II. wundersam geheilte costa-ricanische Hausfrau Floribeth Mora Díaz aufspüren und in die römische Gemelli-Klinik bringen lassen, um die Echtheit des Wunders zu prüfen, das ein Heiliger vollbracht haben muss. Er hat ihrer Gemeinde einen Blutstropfen Johannes Pauls geschenkt und dort eine Wojtyla-Verehrung initiiert. Denn er ist der Herr über mehr als 40.000 Reliquien des polnischen Papstes, die er allein verwaltet. Mit Blut, Stofffetzen und anderen Überresten hat er aus Krakau Priester in die Welt geschickt, um das Feuer der Verehrung anzublasen. Dziwisz hat Druck für die schnellste Heiligsprechung seit Langem aufgebaut. Doch es war auch die letzte Gelegenheit. Denn noch muss der neue Papst alte Entscheidungen mittragen. Aber das wird sich bald ändern.

Klug hat Papst Franziskus der polnischen Botschaft die Spitze genommen, ohne ihre Verehrer vor den spirituellen Kopf zu stoßen. Der Konzilspapst Johannes XXIII., der Reformer, hinter dessen Werk der Restaurator Johannes Paul II. zurückwollte, steht neben Karol Wojtyla und wird mit ihm zur Ehre der Altäre befördert. Das Zeichen, das Bände spricht, sagt: Der Reformer gehört neben den Restaurator. Vielleicht sagt es auch, dass es eigentlich peinlich ist, wenn ein Papst seinem Vorgänger einen Heiligenschein ausstellt. Es bedeutet nämlich, dass er vorher über ihn zu Gericht gesessen hat. Denn der Erhebung geht immer ein Prozess voraus.

Schon zu Beginn seines Pontifikats nahm Franziskus dem Papst aus Polen die Poleposition der Heiligsprechungen ab. Johannes Paul II. hatte in den 27 Jahren seines Pontifikats fast 500 Menschen für verehrungswürdig erklärt, mehr als alle seine Vorgänger im letzten halben Jahrtausend zusammen. Doch Franziskus sprach vor einem Jahr auf einen Schlag 800 namenlose Italiener heilig, Fischer, Landarbeiter, Handwerker und Kaufleute. Es können auch mehr gewesen sein; so genau weiß das niemand. Sie waren angeblich 1480 im apulischen Otranto von Soldaten des Osmanischen Reichs umgebracht worden. In der gleichen Feier sprach Franziskus auch zwei Frauen aus Kolumbien und Mexiko heilig, die sich für Arme eingesetzt hatten.

Die 800 Apulier konnte Franziskus nicht mehr ohne Affront rückgängig machen. Denn die hatte noch sein Vorgänger Benedikt in seinem letzten Konsistorium angekündigt, zusammen mit seinem Rücktritt. Benedikt hatte nicht gestört, dass sich in Apulien Dichtung und Wahrheit mischen und dass Historiker die Geschichte bezweifeln. Die Christen von Otranto seien religiösem Hass zum Opfer gefallen, befand er.

Franziskus nutzte die Gelegenheit und verschob zugleich den Schwerpunkt – mithilfe der zwei Frauen. Er sprach bei der Feier von der Nächstenliebe, "ohne die das Martyrium und die Mission ihren christlichen Geschmack verlieren". Braucht Nächstenliebe Heiligsprechungsprozesse? Johannes Paul II. wird heiliggesprochen, "weil sein Weg der richtige war", sagte Dziwisz. Mit Heiligen machte der polnische Papst konservative katholische Politik wie seine Vorgänger in früheren Jahrhunderten.

Vor zwölf Jahren, 2002, sprach er die erste Brasilianerin heilig. Es war die aus Südtirol stammende Ordensfrau Paulina vom Herzen Jesu im Todeskampf. 1984, vor 30 Jahren, sprach er 105 koreanische und 1988 116 vietnamesische Märtyrer heilig. Jede katholische Ortskirche sollte ihre Heiligen bekommen. Die richtigen. Dafür scheute er keine Kosten. Denn das Heilig- und Seligsprechungsverfahren ist langwierig, aufwendig und kostspielig. Es kann schnell Hunderttausende verschlingen. Manche Orden haben auf die Erhebung ihrer Gründer verzichtet, weil sie ihnen schlicht zu teuer war und sie das Geld lieber in das Heil und das Wohl der Lebenden investieren wollten. Ein würdiges Gedenken, sagen sie, geht auch ökonomisch verantwortungsvoller.

Nach der Heiligsprechung steigt die Verehrung

Ende 2004, kurz vor seinem Tod, sprach der Wojtyla-Papst die Ordensfrau Anna Katharina Emmerick aus dem münsterländischen Dülmen selig. Sie hatte im 19. Jahrhundert in Visionen vom Leiden und Sterben Jesu die Details gesehen, die die Evangelisten des Neuen Testaments verschweigen, weil sie nicht zur Botschaft gehören. Weil es ihnen nicht auf Nachempfindung ankommt, sondern auf eine Entscheidung. Der romantische Dichter Clemens Brentano besuchte in seiner restaurativ-konservativen Phase die kränkelnde Nonne und schrieb ihre ekstatischen Visionen auf. Doch vermischte er sie üppig mit eigenen Zusätzen.

Ein erstes Seligsprechungsverfahren vor 90 Jahren wurde ohne Ergebnis beendet, weil Brentano nicht als seriöse Quelle taugte. Die Schilderungen der beiden inspirierten den Schauspieler und Regisseur Mel Gibson zu seiner Grausamkeitsorgie Die Passion Christi, die im Frühjahr 2004 in die Kinos kam. Von Emmericks und Brentanos Schilderungen befeuert, ließ Gibson die stachelgespickte Peitschenschnur eines Peinigers schmatzend im aufgerissenen Rückenfleisch des Heilands stecken bleiben. Den Postulanten eines neuen Seligsprechungsverfahrens kam das visionäre Bad im Blut des Erlösers zupass. Sie hatten Emmericks Skelett schon 1975 ausgegraben und ein Stück Elle abgebrochen, das bis heute im Bistum Münster aufbewahrt wird. 

2002 sprach Johannes Paul II. in der größten Feier ihrer Art, die Italien je gesehen hat, den 1968 verstorbenen kampanischen Kapuziner Padre Pio heilig. Der charismatische Krankenheiler soll Wojtyla vorausgesagt haben, er werde zum Oberhaupt der katholischen Kirche gewählt. Papst Johannes XXIII. hatte Pio misstraut. Er kritisierte "intime und unanständige Beziehungen mit den Frauen, die seine Prätorianergarde bilden". Der kampanische Pater, so schrieb Johannes, richte eine "teuflisch geplante Verwirrung der Seelen" an. Pios Biograf Sergio Luzzatto wirft dem Priester in seinen jüngeren Jahren eine Mischung aus Altgläubigkeit und Sympathie für die damals junge Mussolini-Bewegung vor: ein "klerikal- faschistisches Gemisch". 

Nach der Heiligsprechung schwoll die Verehrung, die nie aufgehört hatte, weiter an. 2008 holten Pios Anhänger seine verseifte Leiche aus dem Grab und stülpten eine Silikonmaske mit dem charakteristischen Kinnbart über den halb skelettierten Schädel. Seitdem lassen sie den Leichnam in Abständen zur Verehrung ausstellen. Ein überkommenes Ritual, das den Glauben an das Alte und Unveränderliche zementieren soll. Selbst wenn Silikon die Wahrheit stützen muss. 

Ein ähnliches Schicksal widerfuhr auch dem Reformpapst Johannes XXIII. selbst. 37 Jahre nach seinem Tod ließ Johannes Paul II. ihn 2000 seligsprechen – zusammen mit Pius IX., dem Papst des reaktionären Ersten Vatikanums, gegen dessen Wirkungen Johannes gekämpft hatte. Johannes’ einbalsamierter Leichnam wurde aus den vatikanischen Grotten hervorgeholt. Die Leiche musste umziehen, mit Wachsmaske über dem Gesicht, in einen Glaskasten unter dem Hieronymusaltar im Petersdom, klimatisiert und mit keimtötendem Stickstoff gefüllt.  

Den Präparator Gennaro Goglia, der den toten Körper mit Litern von Ethanol, Formalin, Natriumsulfat und Kaliumnitrat haltbar gemacht hatte, stört die Wachsmaske: "Das sieht aus wie bei Madame Tussaud. Ich hätte das mit einer Reinigungslotion besser hinbekommen."

Das leere Papstgrab in prominenter Lage nahe den vermuteten Überresten des Apostels Petrus wurde 2005 neu belegt – mit dem Sarg Johannes Pauls II.

Wird auch dessen einbalsamierter Leib jetzt wieder hervorgeholt und im Petersdom ausgestellt? Oder setzt sich der Gedanke durch, dass Nächstenliebe keine Leichen braucht, weder Stickstoff noch Silikon, und keine Verfahren, die Hunderttausende verschlingen? Und der Glaube eigentlich auch nicht? Im Evangelium des Lukas sagt ein Engel den Frauen, die Jesus am Ostermorgen einbalsamieren wollen und keinen Leichnam finden: "Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten?" Der Karneval kann tatsächlich beendet werden.