"Deutschland könnte sehr viel mehr tun" – Seite 1

ZEIT ONLINE: Herr Mogge, können sie den Menschen im syrischen Bürgerkrieg überhaupt noch helfen?

Mathias Mogge: Ja, wir versuchen, so viele bedürftige Menschen wie möglich mit Lebensmitteln zu versorgen. Zum einen arbeiten wir mit unserem tschechischen Partner "People in Need" zusammen. Dieser ist in der Region in und um Aleppo und Idlib im Nordwesten Syriens aktiv. Ein weiteres Team arbeitet in Manbij im Osten Syriens. Wir kaufen Lebensmittel in der Türkei und fahren sie an den Grenzübergang, wo die Waren auf syrische LKWs umgeladen werden.

ZEIT ONLINE: Das geht ja aber nur an Grenzübergängen, die von Gruppen kontrolliert werden, die das auch zulassen.

Mogge: Es gibt in der Tat wöchentlich neue Pläne, auf denen verzeichnet ist, welche Gruppe gerade welchen Grenzort kontrolliert. Die türkischen Behörden entscheiden darüber, ob ein Grenzübergang passierbar ist oder nicht. Der Grenzübergang, den wir nutzen, wird zum Beispiel auf syrischer Seite von der radikalislamistischen ISIS kontrolliert. Doch wer auch immer gerade die Kontrolle hat, ob ISIS, Al-Nusra oder die Freie Syrische Armee: Fast alle Gruppierungen sind schwer bewaffnet. Ich habe allergrößten Respekt vor unseren Mitarbeitern, die mit größtem diplomatischen Geschick agieren und verhandeln.

ZEIT ONLINE: Und wie funktionieren diese  Verhandlungen dann?

Mogge: Unser Koordinator argumentiert so: Die Lebensmittel sind für die notleidende Bevölkerung, und wer Dinge abzweigt oder klaut, versündigt sich. Bisher sind all unsere Hilfstransporte dort angekommen, wo sie hin sollten. Wir haben Mitarbeiter vor Ort, die das kontrollieren. Und wir lagern die Lebensmittel nicht zwischen, sondern verteilen sie möglichst sofort.

ZEIT ONLINE: An wen verteilen sie die Hilfsgüter dann?

Mogge: Die Empfänger werden vorher identifiziert. Unsere lokalen Partner entscheiden nach bestimmten Kriterien, wem wir helfen.

ZEIT ONLINE: Was sind das für Kriterien?

Mogge: Die Hilfe reicht bei Weitem nicht für alle. Allein die Vereinten Nationen, die wahrscheinlich größte Hilfsorganisation in Syrien, bräuchten allein in diesem Jahr rund fünf Milliarden Euro. Doch von dieser mit den Geberländern verabredeten Summe ist bisher erst ein Fünftel eingetroffen. Wir müssen also alle eine Auswahl treffen, wem wir helfen. Zunächst prüfen wir zum Beispiel, ob Schwangere, kranke oder alte Menschen in einem Haushalt leben. Oder ob es Familienmitglieder gibt, die arbeiten und ein Einkommen haben.

ZEIT ONLINE: Wer arbeitet für sie in Syrien?

Mogge: Wir arbeiten nur mit lokalen Mitarbeitern. Ausländer können zurzeit nicht nach Syrien reisen. Man kann sich dort nur aufhalten und bewegen, wenn man die Gegend und die Menschen sehr, sehr gut kennt. Doch selbst für Syrer ist die Arbeit sehr gefährlich. Die Mitarbeiter, die jetzt in Syrien für uns arbeiten, kennen wir persönlich. Wir haben sie eingestellt, als wir selbst noch einreisen konnten. Unser Koordinator in Syrien ist beispielsweise ein  Lehrer, den wir speziell für diese Aufgabe ausgebildet haben.

ZEIT ONLINE: Um wie viele Flüchtlinge kümmern Sie sich?

Mogge: Wir erreichen gemeinsam mit unserem Partner People in Need rund 500.000 Menschen. Bisher hat die Welthungerhilfe insgesamt 4.250 Tonnen Hilfsgüter nach Syrien geschafft. Die Strukturen, die wir dafür brauchen, können wir nur aufrecht halten, so lange wir zuverlässig Mittel dafür erhalten. Deshalb sind wir der Bundesregierung sehr dankbar, dass sie uns verlässlich unterstützt, mit drei Millionen Euro in diesem Jahr. Weitere rund drei Millionen kommen voraussichtlich von der Europäischen Union Und wir bemühen uns um weitere Geldgeber.

ZEIT ONLINE: Und was ist mit Spenden?

"Die Türkei leistet wirklich sehr gute Arbeit"

Mogge: Nach wie vor erhalten wir verhältnismäßig wenige Spenden für unsere Arbeit in Syrien. Das geht auch anderen Organisationen so.  Im vergangenen Jahr haben wir knapp 600.000 Euro für unsere Arbeit in Syrien erhalten. Wenn wir das Leid der syrischen Bevölkerung sehen, würden wir uns mehr Spendenbereitschaft wünschen.

ZEIT ONLINE: Und wie erklären sie sich das?

Mogge: Weil die Krise kompliziert ist und nicht einfach zu vermitteln ist. Gerade in Syrien gibt es viele Akteure, bei denen unklar ist, welche Interessen sie verfolgen. Anders als bei Naturkatastrophen sind viele Spender bei bewaffneten Konflikten unsicher, ob ihr Geld überhaupt ankommt. Doch wer bedürftig ist, hat Hilfe verdient. Viele Kinder in Syrien sind seit drei Jahren mangel- oder unterernährt. Unsere Mitarbeiter berichten schreckliche Dinge.

ZEIT ONLINE: Es ist ja extrem aufwendig, Hilfsgüter nach Syrien zu bekommen. Wie viel Geld können Sie wirklich für die Hilfsgüter ausgeben, wie viel geht für die Organisation drauf?

Mogge: Wir beziehen die meisten Lebensmittel im Süden der Türkei, um die Transportwege möglichst kurz zu halten. In der Türkei beschäftigen wir mehrere Logistiker.

ZEIT ONLINE: Das Flüchtlingshilfswerk der UN zählt mittlerweile über 2,6 Millionen Menschen, die aus Syrien geflohen sind, und das sind nur die registrierten Flüchtlinge. Allein im Libanon leben über eine Million Flüchtlinge, in der Türkei fast 700.000 - und Schätzungen gehen weit über diese Zahlen hinaus. Wie belastet das die Nachbarländer?

Mogge: Zunächst: Die Türkei leistet wirklich sehr gute Arbeit. Die Flüchtlingscamps sind in gutem Zustand. Trotzdem ist es für eine Grenzregion schwierig, mit einem Flüchtlingsstrom dieses Ausmaßes umzugehen. Gerade im Osten gibt es kleinere Orte, in denen auf der Straße mittlerweile mehr arabisch als türkisch gesprochen wird. Da drohen Konflikte. Die syrischen Flüchtlinge brauchen ja auch ein Einkommen, um zu überleben. Die Nachbarländer müssen sie nun quasi integrieren. Wir müssen den syrischen Kindern und Jugendlichen daher möglichst schnell helfen, damit sie eine Schule besuchen oder eine Ausbildung beginnen können.

ZEIT ONLINE: Deutschland ringt derweil darum, ob es nun 10.000 Syrer oder doch ein paar mehr aufnehmen soll. Ist das fair?

Mogge: Meine private Meinung ist: Deutschland könnte sehr viel mehr tun und auch mehr Flüchtlinge aufnehmen. Gerade wenn man sieht, was beispielsweise die Türkei im Vergleich leistet.

ZEIT ONLINE: Aber das Ziel sollte doch sein, dass die Flüchtlinge auch wieder in ihr Land zurückgehen können. Ist es da nicht sinnvoller, sich in den Grenzländern um sie zu kümmern statt irgendwo im weit entfernten Deutschland?

Mogge: Wenn ich den Eindruck hätte, dass sich eine politische Lösung abzeichnet, dann würde ich sagen: Die Flüchtlinge können in der Region bleiben. Doch im Augenblick erscheint eine politische Lösung relativ aussichtslos. Stattdessen halten sich die verschiedenen Kriegsparteien gegenseitig in Schach. Ich kann zurzeit leider keinen Weg zu einer politischen Lösung sehen.