Er lag vor ihm, er blutete. Doch Johannes Kneifel konnte nicht aufhören. Er trat zu, immer wieder. Gezielt, mit den Stahlkappen seiner Stiefel. Danach war nichts mehr wie zuvor.

Jetzt steht Johannes Kneifel vorne am Altar. Drei Dutzend Frauen und Männer schauen zu ihm. Er hat den milchkaffeebraunen Anzug angezogen und ein schwarzes Hemd, hat die kurzen, rötlichen Haare mit etwas Gel gebändigt und eine modische Brille aufgesetzt. Vielleicht steht er etwas breitbeiniger da als andere und mit mehr Körperspannung. So, als müsse er sich gleich verteidigen. Aber das sehen nur die, die in diesem Moment an seine Vergangenheit denken.

Alle anderen warten einfach, dass er predigt. Kneifel rückt das Mikrofon zurecht. Dann spricht er von der großen Herzlichkeit, die er in dieser Gemeinde erlebt. "Hier ist Gott zu Hause, wenn es einem gut geht, aber auch, wenn es schlecht läuft." Sogar er dürfe hier schwach sein. Das ist eine neue Erfahrung für ihn.

Er hat ein Menschenleben auf dem Gewissen

Johannes Kneifel ist 31 Jahre alt. Er war Neonazi. Er hat ein Menschenleben auf dem Gewissen. Er saß im Gefängnis. Heute ist er Pastor. Aber ist eine solche Wandlung überhaupt möglich? Kann ein Mensch sein altes Leben abstreifen wie die Schlange ihre Haut?

Johannes Kneifel wächst auf im niedersächsischen Eschede. Sein Vater ist fast blind, die Mutter erkrankt früh an Multiple Sklerose. Beide verlieren ihre Arbeit und können den Alltag mit drei kleinen Kindern nur mit Mühe bewältigen. Für Zuneigung und Zärtlichkeit bleibt keine Energie. Johannes Kneifel kann sich nicht erinnern, dass ihn seine Eltern in den Arm genommen haben. Oder gelobt.

Er beneidet die anderen Kinder. Er fühlt sich ausgegrenzt und schämt sich bald für alles: für die behinderten Eltern, für ihre Hilfsbedürftigkeit und Abhängigkeit, für das billige Essen zu Hause, die billigen Klamotten. Doch niemand soll von seinem Neid und seiner Hilflosigkeit erfahren. "Ich stand unter permanentem Druck. In der Schule war ich schüchtern, zu Hause wurde ich immer ungehaltener", sagt er über die Zeit. Die Mutter weine, wenn er den Vater als Versager beschimpft. "Wenn ich meine Eltern beleidigte, schaute ich sie dabei an, um zu sehen, wie es sie traf." Du Krüppel!, schrie er seine Mutter einmal an. "Ich wütete, trat Türen ein."

Mit Schnaps fühlt er sich unangreifbar

Über einen Nachbarsjungen kommt er in Kontakt mit Alkohol – und Skinheads. Mit Bier, Wein und Schnaps fühlt er sich leicht und unangreifbar. Schimpfworte wie Kanaken kommen ihm bald genauso leicht über die Lippen wie seinen Freunden. Er zieht sich Springerstiefel an und hört Musik mit menschenverachtenden Texten. Er verletzt lieber andere, als sich den eigenen Verletzungen zu stellen. Endlich hat er das Gefühl dazuzugehören.

Seit einem halben Jahr ist Johannes Kneifel nun Pfarrer im Erzgebirge. Die Elim-Gemeinde in Wilkau-Haßlau in der Nähe von Zwickau ist seine erste eigene Gemeinde. Sie ist freikirchlich und steht den Baptisten nahe. Der Altar, ein modern gearbeiteter Holztisch, ist mit hellblauem Tüll und hellblauen Kerzen verziert. Darüber hängt ein schlichtes Holzkreuz, kein Kruzifix. Hier geht es um Jesu Auferstehung, nicht so sehr um sein Leiden am Kreuz. Der graue Teppichboden und die hellen Möbel erinnern an ein Nebenzimmer in einem Tagungshotel. Vielleicht auch, weil die Gemeindemitglieder an gedeckten Tischen sitzen.