In der ersten Reihe der Anklagebank im NSU-Prozess dürfte die Stimmung künftig eisig sein. Die Hauptangeklagte Beate Zschäpe hat erklärt, dass sie ihren Anwälten Wolfgang Heer, Anja Sturm, Wolfgang Stahl nicht mehr vertraue. Die Verteidiger kommentieren diese überraschende Wendung nicht.

Wahrscheinlich wollen sie erst die schriftliche Erklärung ihrer Mandantin abwarten, die – nach einer Fristverlängerung – nun bis am Freitag vor dem Münchner Oberlandesgericht eingehen muss. Will Zschäpe gegen den Willen der Anwälte aussagen? Fühlt sie sich schlecht beraten? Oder hat sie vor, das Verfahren juristisch zu sabotieren, wird sie dabei gar von den drei Verteidigern unterstützt? Tatsächlich wurde auch dieser Verdacht geäußert.   

Viele Prozessbeteiligte glauben, dass sie ihr Schweigen brechen möchte – und dass ihre drei Verteidiger diesen Entschluss womöglich nicht mittragen wollen, weil eine Aussage zu viele Risiken für die Angeklagte birgt. Für die These spricht, dass die Angeklagte mehrmals ihr Mitteilungsbedürfnis gezeigt hat. Etwa vor zwei BKA-Beamten, die sich mit Zschäpe kurz nach ihrer Festnahme unterhielten. Eine Polizistin begleitete sie von Chemnitz zum Ermittlungsrichter nach Karlsruhe. Ihr sagte Zschäpe laut einem Vermerk, dass sie sich nicht gestellt habe, um dann nicht auszusagen.

Der andere Beamte begleitete sie Monate nach ihrer Festnahme zu einem Besuchstermin bei ihrer Großmutter, die noch in Jena lebt. Auch er sprach sie an. Sie habe doch mal in Aussicht gestellt, auszusagen. Die Beschuldigte habe daraufhin, so der Ermittler, gesagt, sie sei niemand, der nicht zu ihren Taten stehe, und wenn sie aussage, dann vollständig und umfassend. Zschäpe, die ein enges Verhältnis zu ihrer Großmutter haben soll, wolle besonders ihr erklären, wie es zu allem gekommen sei. Sie wolle sich entschuldigen. Wofür, sagte sie nicht.

Emotionale Ausnahmesituation

Zschäpes mögliche Aussagewilligkeit könnte auch emotionale Gründe haben. Jahrelang hat sie unter falschem Namen im Untergrund gelebt, womöglich hat sie schwere Schuld auf sich geladen. Ihre einzigen Bezugspersonen, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt, sind tot. Deren Ende war brutal: Mundlos hat nach Überzeugung der Bundesanwaltschaft erst Böhnhardt, dann sich selbst erschossen, während beide sich in einem Wohnmobil versteckten. Zuvor hatte er das Fahrzeug angezündet.  

Beate Zschäpe hat als Hauptangeklagte Einsicht in die Akten. Es liegt nahe, dass sie sie liest, dass sie auch die Bilder ihrer toten Weggefährten sieht – und die Bilder der Ermordeten. Die Tatorte sahen zum Teil grausam aus, es gibt auch Fotos von Obduktionen. Zschäpe sitzt seit bald zweieinhalb Jahren in Untersuchungshaft, im Gericht steht sie seit mehr als einem Jahr unter Dauerbeobachtung. Jeden Verhandlungstag wird sie fotografiert. Weil sie schweigt, wird von den Beobachtern jede Mimik und Gestik unterschiedlich interpretiert. Auch diese Interpretationen wird sie lesen. Sie hat niemanden, dem sie sich anvertrauen kann – und sollte es tatsächlich so sein, dass ihr Vertrauen in ihre Verteidiger "nachhaltig und ernsthaft" gestört ist, dann kann sie nicht einmal mit ihnen sprechen. Unvorstellbar, dass ein Mensch, auch einer, der sich womöglich so schuldig gemacht hat wie Beate Zschäpe, diese Situation jahrelang ertragen kann.