Die alte Bäuerin, die eine ehemalige armenische Kirche als Lagerhaus benutzt und zu Christen bis heute "Ungläubige" sagt. Der kurdische PKK-Sympathisant, dessen Vater im Ersten Weltkrieg einen Armenier retten wollte, ihn dabei aber versehentlich ums Leben brachte. Der Hamburger Regisseur Fatih Akin, der einen Film über die Ereignisse von 1915 gedreht hat und deswegen nun von türkischen Nationalisten bedroht wird. Die Anwältin, deren Großmutter kurz vor ihrem Tod erzählte, dass sie eigentlich Armenierin ist und als Kind ihrer Familie weggenommen wurde. Der armenisch-türkische Journalist Hrant Dink, der auf offener Straße ermordet wurde.

Es gibt so viele Geschichten. Reist man durch die Türkei, stößt man immer wieder auf Anzeichen früheren armenischen Lebens. Und schafft man es, das Vertrauen der Menschen zu gewinnen und sie zum Erzählen zu bewegen – was nicht immer gelingt –, sprudeln die Geschichten bisweilen regelrecht aus ihnen heraus. Oft haben die Geschichten einen Helden, und meist war dieser mit dem Erzähler verwandt. Etwa einen Großonkel, der einem Armenier Unterschlupf gewährte oder ihm zumindest etwas zu essen gab. Vielleicht bevölkern die Geschichten etwas zu viele Helden. Vielleicht liegt das aber auch nur daran, dass man über die Opfer so wenig spricht. Viele Armenier sind gestorben 1915. Sie wurden erschossen, erschlagen, verhungerten und verdursteten auf den Todesmärschen in die Syrische Wüste. Eineinhalb Millionen Menschen, so hoch reichen die Schätzungen für das, was die Armenier den "ersten Genozid des 20. Jahrhunderts" nennen. Bis heute prägt er ihre Kultur und nationale Befindlichkeit, in Armenien und in der weltweit verstreuten Diaspora.

Aufmerksamkeit und Anerkennung, vor allem das ist es, was die Armenier wollen – und was die Türkei, das Land der Täter, bis heute nicht zu geben bereit ist. Atatürks Republik gründet nicht zuletzt auf der felsenfesten Überzeugung, dass es keinen Völkermord an den armenischen Einwohnern gegeben hat damals, in den Wirren des Ersten Weltkriegs, als das osmanische Vielvölkerreich in seinen letzten Zügen lag. Daran hat sich bis heute nichts geändert, und so stehen beide Seiten sich unversöhnt gegenüber.

An dieser Stelle könnte diese Geschichte enden. Doch kein Konflikt ist so eindimensional, wie er scheint. Es gibt die Erzählungen der Menschen. Und es gibt Spuren, denen man bis heute nachgehen kann: Kirchen, Friedhöfe, alte Häuser. Sie legen Zeugnis ab von den vielen verwickelten Strängen dieser historischen Tragödie – und sie zeigen, welche Veränderungen es gibt im Umgang mit ihr. Am besten ist es, man beginnt die Suche in der türkischen Provinz, weit weg von der Metropole Istanbul.

Erschienen in Christ & Welt

Im äußersten Osten Anatoliens erscheint der Horizont endlos, und die Dächer der Häuser ducken sich unter dem weiten Himmel weg. Schafherden säumen die Straßen. Es ist eine arme Gegend. Aus der Ferne blitzt der Schnee auf den Bergen selbst im Sommer herüber; die Ausläufer des Kaukasus reichen bis hierher, die – geschlossene – Grenze zu Armenien ist nicht fern. Bayraktar, ein Weiler mitten im Nirgendwo. Medine Kaya reicht warmes Brot zur Begrüßung, sie lacht und läuft weg, als sie fotografiert werden soll. Auf dem Hof neben ihrem eingeschossigen Haus steht eine imposante armenische Kirchenruine.

Drinnen Dutzende Säcke Tierfutter und Zement. Ein paar Krähen haben sich in dem rund 20 Meter hohen Gebäude eingerichtet und picken fleißig Löcher ins Dach. "Ich mache hier regelmäßig sauber", rechtfertigt sich die Bäuerin eilig, "sonst würde es noch viel schlimmer aussehen." Was sie glaube, wem der Bau einmal gehört habe, wollen wir wissen. "Ach", sagt Kaya unbestimmt, "früher haben hier wohl mal gavur gelebt" – also "Ungläubige", in dieser Gegend eine gängige Bezeichnung für Christen. Aber, das ist ihr wichtig, die Kirche sei auf ihr Grundstück eingetragen. Sie soll übrigens einmal sehr schön gewesen sein, habe ein Verwandter ihr erzählt.

Die Fahrt geht weiter nach Süden. Der Blick öffnet sich auf eine weite Ebene – und auf einmal schimmert eine Schneekuppe aus dem Nachmittagsdunst hervor. Der Ararat. Wie ein gütiger Großvater wacht er über die Landschaft und die übrigen Berge; dem Anblick des mehr als 5.000 Meter hohen, ewig schönen Vulkans kann man sich nicht entziehen. Kein Wunder, dass die Menschen ihm seit alters zahlreiche Legenden andichten; laut der Vulgata soll Noahs Arche hier gelandet sein, und für die alten Armenier war der Ararat der Sitz der Götter.

Es gehört zu den zahlreichen offenen Wunden des armenischen Volkes, dass dieser Berg, den sie Masis nennen, seit 1923 auf türkischem Territorium liegt. Dennoch erkoren sie ihn zum Wappensymbol ihrer eigenen Republik, was – noch zu Sowjetzeiten – sogar eine kurze diplomatische Rangelei auslöste: Ankaras Außenamtschef beschwerte sich über die Abbildung eines türkischen Berges auf dem Wappen der Armenischen SSR, was der sowjetische Außenminister Andrej Gromyko mit dem lapidaren Hinweis konterte, der Mond auf der Flagge der Türkei gehöre ja nun wohl auch nicht zu deren Staatsgebiet.

Die Episode erzählt noch in anderer Hinsicht viel. Was heute den Osten der Türkei bildet, war über Jahrhunderte hinweg umkämpftes Gebiet: Osmanen, Russen, Armenier und Kurden führten hier Kriege gegeneinander. Vor allem im und nach dem Ersten Weltkrieg gab es – unter Beteiligung auch von Deutschen und Briten – blutige Aufstände, kurzlebige Republiken und Grenzstreitigkeiten, die bis in die 1950er-Jahre reichten.

Seit Gründung der Republik Türkei 1923 wird der mittlere Grenzverlauf zwischen der Türkei und Armenien durch den Fluss Achurjan – oder türkisch Arpacay – markiert. Auf der östlichen Seite ist die Grenze gut gesichert: Bis heute lässt die russische Armee es sich nicht nehmen, die Grenzen des Verbündeten Armenien zum Nato-Mitglied Türkei sowie zum Iran zu überwachen. Ein Zaun verhindert den Zugang zum Achurjan.