Aus der Luft sieht der West-Point-Slum vor Liberias Hauptstadt aus wie eine Müllhalde auf einer Halbinsel. Herangezoomt wird sichtbar: Hier hausen Menschen. Schätzungsweise 75.000 Monrovianer leben auf diesem von Wellblechhütten und Baracken zugewucherten Zipfel der Armut vor der Millionenstadt.

Wer raus will, muss entweder in den Atlantik springen, oder über die schmale Landseite in Richtung Zentrum. Dorthin, wo nicht nur die Ärmsten wohnen. Seit Mittwoch kommt aus West Point niemand mehr heraus – jedenfalls niemand ohne Kontakte in die korrupte Regierung. Denn neben der Armut grassiert eine neue Seuche im Slum: Ebola.

Das ganze Armenviertel steht unter Quarantäne. Die Ebola Task Force aus Polizei und Militär kontrolliert seither den Zugang, hat Straßenblockaden errichtet und Stacheldraht gespannt, berichtet Wade Williams am Telefon. Die Journalistin von Front Page Africa war als Reporterin zwischen den Bretterbuden des Armenviertels unterwegs, hat beobachtet, wie Lebensmittel verteilt wurden: Reis, Bohnen, Öl, Wasser. 

Das klingt, als seien die Menschen gut versorgt. In Wahrheit werden sie mit der lebensbedrohlichen Seuche allein gelassen. Niemand zählt, wie viele Slum-Bewohner schon mit Ebola infiziert sind, warnt Angehörige davor, ihre Kranken zu pflegen, die Toten zu berühren. Ebola wird über Körperflüssigleiten übertragen – und die kleben in West Point an den unmöglichsten Orten. Was es nicht gibt, sind sanitäre Anlagen, Duschen, sauberes Wasser. "Es gibt keine Toiletten, viele verrichten ihr Geschäft am Strand", sagt Williams. In den langen Schlangen für die Essensausgabe drängen sich schwitzende Menschen aneinander, erzählt die Journalistin. All das macht es dem Virus leicht, neue Opfer zu finden.

Ärzte und Helfer haben sich bisher kaum hierher zwischen die Baracken verirrt. Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen hat zwar ein medizinisches Zentrum in Monrovia errichtet, sagt eine Sprecherin, aber in West Point seien die Mitarbeiter nicht aktiv. Auch das Rote Kreuz hat keine Helfer in den Slum geschickt. Von einer funktionierenden Seuchenkontrolle kann keine Rede sein. Die meisten Menschen hier hatten auch vor dem Ebola-Ausbruch keinen Arzt, zu dem sie hätten gehen können. Weder bei Durchfall noch Malaria, Krebs oder Aids.

Quarantäne kann jetzt ein Todesurteil bedeuten

Die Regierung Liberias versucht mit dem Absperren des Slums verzweifelt, das Virus an einer weiteren Ausbreitung zu hindern. Das Land ist derzeit am stärksten von dem Seuchenausbruch in Westafrika betroffen. Noch immer stecken sich dort weitere Menschen an. Das einzige, was den Erreger stoppen kann, ist strikte Hygiene und die Isolierung von jedem Infizierten und dessen Angehörigen, die sich infiziert haben könnten. In einem Land wie Liberia ist das fast unmöglich. Im überbevölkerten West Point undenkbar.

Dass Tausende Menschen jetzt ohne Schutz vor Ansteckung und mit Gewalt im Seuchengebiet ihrem Schicksal überlassen werden, verstärkt das Misstrauen, das viele Liberianer ohnehin haben – gegenüber der Regierung und ausländischen Ärzten. Der Unmut, das Unverständnis und die Angst gipfelten am Wochenende darin, dass Slum-Bewohner eine Klinik stürmten, in die man Ebola-Erkrankte aus anderen Stadtteilen gebracht hatte. Verseuchte Matratzen, Laken und Müll aus der Klinik liegen nun verstreut am Strand herum. Die notdürftig errichtete Isolierstation wurde geplündert. Eine andere gibt es in West Point nicht.