Die großen Kulleraugen eines Kleinkinds auf einem Werbebanner ziehen den Blick auf diesen Hauseingang. Neben dem Kinderfoto, das die Hauswand von Dr. Anoop Guptas Klinik im Herzen der indischen Hauptstadt Neu Delhi ziert, ranken drei Buchstaben: I. V. F. – Sie stehen für In-Vitro-Fertilisation, künstliche Befruchtung. "Vergessen Sie den Mythos Unfruchtbarkeit", steht auf der Infobroschüre geschrieben, die gleich am Eingang ausliegt. 

An diesem Vormittag ist das Wartezimmer gefüllt. Weiße, gepolsterte Ledersessel sollen den Paaren das Warten etwas bequemer machen. Sie alle haben eines gemeinsam: ihr Kinderwunsch ist groß. Von seinem Schreibtisch blickt Dr. Gupta durch getönte Scheiben auf die Wartenden. An der Wand hinter seinem Schreibtisch lachen glückliche Eltern mit ihren Babys in die Kamera. Europäische, afrikanische, asiatische Familien.

Eine Win-win-Situation für alle

Auch Monika blickt immer wieder durch die Scheiben ins Wartezimmer. Die 30-jährige Inderin ist nervös, knibbelt an ihren Fingernägeln. Heute ist der große Tag. Es soll endlich losgehen. Nach wochenlangen Untersuchungen wird ihr heute die befruchtete Eizelle eingesetzt. Samen und Ei kommen von einem Pärchen mit Kinderwunsch in Großbritannien. Er 42, sie 38. Viel mehr weiß Monika nicht über sie. "Wir haben finanzielle Probleme", erzählt sie. Ihr Nachname und die der anderen Leihmütter bleiben hier ungenannt, um ihre Identität zu schützen. "Mein Mann verliert vielleicht bald seinen Job als Fahrer. Mit dem Geld werde ich die Ausbildung meiner Kinder bezahlen und dabei noch etwas Gutes tun."    

Dr. Gupta nickt mit dem Kopf. "Ganz genau, das ist eine Win-win-Situation für alle!" Er wundert sich über all die Bedenken, die in manchen Ländern gegenüber Leihmutterschaft vorherrschen. "Wo ist das Problem?", fragt er. Nichteheliche Lebenspartnerschaften, Abtreibung, gleichgeschlechtliche Ehen, all das sei in Ländern wie Deutschland legal, warum also nicht auch Leihmutterschaft? "Wenn sich ein Paar nichts sehnlicher wünscht, als ein Kind zu bekommen und selbst keines bekommen kann, sollte das erlaubt sein." Es sei vergleichbar mit Bluttransfusion, sagt Dr. Gupta. Wenn einer in Not ist, springt ein Mitmensch ein. So simpel sieht er das.

Monika räuspert sich und erklärt, "wahrscheinlich wird es hart, das Neugeborene nach neun Monaten einfach so abzugeben. Aber ich habe mich dafür entschieden, dass ich das Kind nicht sehen will". Dr. Gupta erklärt ihr, dass die zukünftigen Eltern bei der Geburt im Raum nebenan sitzen werden und das Neugeborene direkt in die Arme gelegt bekommen. Der zukünftigen Mutter werde auch eine Hormontherapie verabreicht, damit sie im Idealfall ein wenig stillen kann. Leihmütter, die Dr. Gupta unter Vertrag nimmt, müssen bereits mindestens ein eigenes Kind auf die Welt gebracht haben. Dadurch werde es leichter, den Säugling nach der Geburt abzugeben. Außerdem dürfen sie nicht älter als 30 Jahre alt sein und müssen gesund sein. Auch ein ordentliches und sauberes Umfeld sei Voraussetzung.

Dr. Gupta mit einem Leihmuttervertrag © Katja Keppner

Der Arzt spricht aus Erfahrung. Etwa 450 Kinder habe er durch eine Leihmutterschaft schon auf die Welt gebracht. "Alles ganz legal", erzählt er stolz. Seine Leihmütter blieben während der Schwangerschaft in ihren Familien und auch der Ehemann müsse den Vertrag unterschreiben. Er halte nichts davon, wenn die Frauen für neun Monate aus ihren Familien herausgerissen werden und in einem Leihmütter-Haus mit anderen Schwangeren die Zeit absitzen. Dass das einige seiner Kollegen, vor allem in ländlichen Regionen Indiens so handhaben, verstehe er nicht.

Die Leihmutterschaft kostet 24.000 Dollar, die Frauen bekommen höchstens ein Viertel

Nach Schätzungen der indischen National Commission for Women bieten landesweit mittlerweile etwa 3.000 Kliniken Kinderwunsch-Dienstleistungen an, Tendenz steigend. Die meisten davon haben auch Leihmutterschaft im Angebot. 50 davon soll es in der Hauptstadt Neu Delhi geben. Indien zieht kinderlose Paare aus dem Ausland vor allem wegen der Preise an. Hier bezahlt man etwa ein Viertel von dem, was eine Leihmutterschaft beispielsweise in den USA kosten würde. Das Gesamtpaket ist in Indien für um die 24.000 Dollar zu haben. Die Leihmutter erhält davon zwischen 4.000 und 6.000 Dollar, ausgezahlt in Raten. Für Zwillinge oder Drillinge, was durch das Einsetzen mehrerer befruchteter Eizellen häufig passiert, gibt es einen kleinen Zuschlag. "Die Frauen machen es wegen des Geldes", bestätigt auch Deepa von der Frauengesundheitsorganisation Sawa. Das sei auch ihr gutes Recht und eine freie Entscheidung.