Die Serie von Vorfällen ist indes nur die Kulmination eines bekannten Problems. Bürgerrechtler weisen schon lange daraufhin, dass das amerikanische Rechts-, Ordnungs- und Strafvollzugswesen an einem tief sitzenden Rassismus krankt. "Ich bin es leid, jedes Mal Angst davor zu haben, erschossen oder verhaftet zu werden, wenn ich an einem Polizisten vorbeilaufe", schrieb LZ Granderson in seinem Kommentar.

Die Angst ist begründet. So trat der neue New Yorker Bürgermeister Bill de Blasio zu Beginn des Jahres mit dem Versprechen an, die schimpfliche Stop-and-frisk-Strategie der New Yorker Polizei zu beenden. Unter "Stop and Frisk" durften Beamte wahllos und ohne begründeten Verdacht Personen auf der Straße anhalten, durchsuchen und in Gewahrsam nehmen. Von der schikanösen Praxis waren jedoch zu 80 Prozent Latinos und Afroamerikaner betroffen. Schwarze und lateinamerikanische Nachbarschaften fühlten sich terrorisiert.

Institutioneller Rassismus als "Kastensystem"

Auch die Inhaftierungszahlen für schwarze Amerikaner sprechen für einen systematischen Rassismus der amerikanischen Institutionen. So sind 37 Prozent der amerikanischen Gefängnisinsassen schwarz, obwohl sie nur 13,2 Prozent der Bevölkerung ausmachen (Zahlen von 2013). Die Soziologin Michelle Alexander spricht deshalb von einem "Kastensystem", durch das insbesondere männliche Schwarze dauerhaft von der Teilhabe an der amerikanischen Gesellschaft ausgeschlossen werden.

Auf der Ebene der Rechtsprechung ist das Bild ebenso trüb. So hat vor zwei Jahren der Freispruch des Sicherheitswächters George Zimmerman, der den unbewaffneten Jugendlichen Trayvon Martin erschoss, für erheblichen Zorn unter Afroamerikanern und Bürgerechtlern gesorgt. Deshalb waren viele überrascht, als in der vergangenen Woche in Detroit Theodor Wafer wegen Mordes verurteilt wurde. Wafer hatte die schwarze Jugendliche Renisha McBride erschossen, die nach einem Autounfall an seine Tür getreten war und um Hilfe gebeten hatte. "Das war immerhin ein wenig Balsam auf unsere Seele", schrieb Denzel Smith in der Nation.

USA wegen Rassenproblemen zerrissen

Der Zorn über den andauernden, tief sitzenden Rassismus in den USA, der sich derzeit in den Protesten im ganzen Land nach dem Michael-Brown-Vorfall breit macht, ist dennoch groß. Immer lauter werden die Stimmen, die glauben, in den USA werde sich für Afroamerikaner nie etwas ändern. So schreibt der schwarze Essayist Ta-Nehisi Coates, dass "Amerika auf einem Fundament weißer Suprematie ruht". Die amerikanische Gesellschaft ist laut Intellektuellen wie Coates und Alexander zutiefst und unabänderlich rassistisch verfasst. Daran hätten weder die Bürgerrechtsgesetze der sechziger Jahre noch die Wahl Obamas wirklich etwas geändert. "Man hat das Messer, das 20 Zentimeter tief in unserer Schulter steckt, einen Zentimeter weit herausgezogen", so Coates.

In Ferguson und anderswo im Land versucht derweil die Polizei mit Mühe, zu verhindern, dass die Proteste in offene Straßenschlachten ausarten. Dazu mussten am Dienstag und Mittwoch Tränengas und Panzerfahrzeuge eingesetzt werden, Demonstranten wurden zu Dutzenden abgeführt. Die USA sind einmal mehr wegen ihrer Rassenprobleme zutiefst zerrissen, und das nach sechs Jahren eines schwarzen Präsidenten. Den Traum einer post-rassistischen Gesellschaft, der kurzzeitig nach der Wahl Obamas aufflackerte, scheint weiter entrückt denn je.

Hinweis: In einer früheren Version des Artikels hieß es, 30 Prozent der amerikanischen Bevölkerung und 60 Prozent der amerikanischen Gefängnisinsassen seien schwarz. Beide Zahlen stimmen nicht. Wir haben sie korrigiert.