Ist also die Kryonik weniger von der Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod getragen als von der Angst vor dem Tod? Der Transplantationsmediziner Eckhard Nagel, 54, glaubt, dass beide Motive eine Rollen spielen. Nagel sitzt im Ethikrat des Bundestags und im Präsidiumsvorstand des Deutschen Evangelischen Kirchentags. Noch hat sich der Ethikrat zwar nicht mit dem Thema Kryonik beschäftigt. Aber Nagel wird immer gerne konsultiert, wenn Journalisten eine kritische Einschätzung brauchen. Er vergleicht diese Wissenschaft dann mit dem Trend zur Lagerung von Stammzellen aus dem Blut der Nabelschnur Ende der Neunzigerjahre. "Auch da haben Forscher aus einer Frage schon ein Geschäftsmodell gemacht, obwohl es noch keine Studien gab, die belegten, dass damit lebensbedrohliche Krankheiten geheilt werden können."

Nagel wiegt bedächtig seinen kahl rasierten Schädel hin und her. Als Arzt muss er strenggläubigen Patienten schon mal die Frage beantworten, wie das denn zusammenpasse, eine Organspende und das Leben nach dem Tod. Schließlich, so der Einwand der Patienten, wollten sie als vollständiger Mensch wiederauferstehen. Nagel sagt, er frage sie dann, wie sie denn glaubten, wiederaufzuerstehen: im Körper eines Zwanzigjährigen? "Und dann sagen viele von sich aus schon, nein, natürlich ist die Seele das Entscheidende."

Doch die, kritisiert der ärztliche Direktor des Essener Universitätsklinikums, spiele in der Kryonik gar keine Rolle. Kryonik, das sei reine Science-Fiction. So sieht er das. Eine Industrie, die aus der Angst vor dem Tod ebenso Kapital schlage wie aus der Angst vor der eigenen Lebenswirklichkeit. Am meisten Sorge bereite ihm das Menschenbild, das dahinter stehe. "Manche Menschen denken, nur die Materie mache sie aus. Kulturhistorisch ist das eine starke Verarmung."

Tatsächlich ist Torsten Nahm Atheist, wie die meisten seiner Mitstreiter. Anruf bei seiner Mutter Ingeborg, 64, in Bonn. Man würde gern wissen, wie sie sich seine Faszination für ein Leben nach dem Tod erklärt. Ingeborg Nahm erzählt dann die Geschichte von der toten Maus, die Torsten im Garten fand, als er drei oder vier Jahre alt war. Sie sagt, der Anblick haben ihren Sohn so verstört, dass er noch tagelang davon gesprochen habe. Und dann sein Ekel vor Fleisch. Er war sechs, da rührte er kein Fleisch mehr an. "Da haben wir ihm gesagt, dass das Hähnchenfleisch auf seinem Teller mal ein Hahn war."

Die Mutter wünscht sich, ihr Sohn würde sein Leben genießen

Ingeborg Nahm sagt, sie wünsche sich, dass ihr Sohn sein Leben im Hier und Heute genieße. Doch sie respektiere seinen Plan. Auch wenn es sie anfangs schon befremdet habe, als ihr Sohn ihr zum ersten Mal davon erzählte.

Mit einem Bericht in der Computerzeitung c’t fing alles an. Torsten Nahm las von Extropianern. Von Visionären, die neue Technologien nutzen wollen, um dem Homo sapiens dabei zu helfen, der Natur zu trotzen. Schlaffe Haut? Erblich bedingte Krankheiten? Ein niedriger IQ? Das muss nicht sein, propagierten die Extropianer. Wozu gibt es schließlich die Gentechnologie? Ein gezielter Eingriff ins Erbgut. Vielleicht geht da noch was. Torsten Nahm hat das fasziniert. Er hat ja erlebt, wie sehr eine Krankheit einen Menschen verändern kann. Vor vier Jahren starb Lothar, sein Opa. Er holt einmal tief Luft, wenn er davon erzählt. Dieser Opa war ein Opa, mit dem er alles machen konnte. Fußball spielen, Tischtennis. Solche Sachen. Dann bekam der Großvater Rheuma. Die Schübe kamen dichter. "Man konnte richtig sehen, wie die Schmerzen die Lebensfreude aus ihm raussaugten."

Er hat mit seinem Opa über den Tod gesprochen. Darüber, was mit ihm, Torsten, passieren wird, wenn sein Herz irgendwann mal stillsteht. Sein Brustkorb wird aufgesägt und die Hauptschlagader an eine Herz-Lungen-Maschine angeschlossen. Der Körper wird tiefstgefroren. Dann bringt ein Flugzeug die Kapsel in die USA. Sie hängt in einem Kühlhaus in der Wüste von Arizona. Bis zum Tag X. Vielleicht auch für immer. Opa Lothar hat sich das angehört. Er hat gesagt, das sei okay, aber für ihn komme es nicht infrage. Er wurde ganz normal beerdigt, in einem Urnengrab.

Wir sind jetzt am Ende der Ausstellung angelangt. An der Wand hängt ein Zitat von Arthur Schopenhauer, dem berühmten Philosophen, ein Außenseiter auch er. "Vom Standpunkt der Jugend aus ist das Leben lang, in der Rückschau aber kurz." Torsten Nahm lächelt. Der Satz spricht ihm aus dem Herzen. Es ist einer der Schlüssel zum Traum vom ewigen Leben. Nahm sagt: "Was ist denn schon so ein Leben? Ein Wimpernschlag der Geschichte."