Es sind nicht immer nur die großen Themen wie der Krieg in Gaza, die deutsche Muslime vor ein Dilemma stellen. Auch der Volksentscheid über die Bebauung des Tempelhofer Flugfeldes war für die Berliner unter ihnen nicht einfach: Am Rande des riesigen Parkgeländes liegt die Şehitlik-Moschee. Sie braucht mehr Platz für ihren Friedhof. Doch was ist, wenn ein Gemeindemitglied trotzdem gerne hätte, dass das Parkgelände nicht bebaut wird, sondern so bleibt, wie es ist?  

Islamwissenschaftler Götz Nordbruch hat muslimische Jugendliche über diesen Fall diskutieren lassen. Es sei, sagt Nordbruch, ein klassisches Beispiel für die politische Bildungsarbeit, die er mit dem Berliner Verein für politische Bildung ufuq.de seit 2007 durchführt. Mit den Diskussionen in Schulen und Jugendgruppen in den Moscheen will Nordbruch das Selbstvertrauen der jungen Menschen stärken, aber sie auch irritieren, so dass sie auch notfalls mal eine Entscheidung gegen die Mehrheit treffen. 


Die Jugendlichen sollen lernen, sich auf sich selbst zu besinnen: Welche Argumente überwiegen für mich persönlich? Sie sollen im besten Fall erleben, dass sie gesellschaftliche Prozesse durch ihre eigene Meinung mitgestalten können: Ich bin kein Opfer der deutschen Gesellschaft, sondern gehöre dazu. Und ich kann ein guter Muslim sein, aber in einzelnen Punkten eine andere Meinung haben als die Autoritäten.  

Das Programm ufuq.de richtet sich an ganz normale Jugendliche, aber es hat ein Ziel: religiöse Radikalisierung schon früh zu verhindern. Dabei setzt der Berliner Verein vor allem darauf, die Vielfalt der Meinungen zu stärken.

Die Teamer tragen Kopftuch – oder trinken auch mal ein Bier

Seit Juni gibt es dazu auch ein Online-Programm "Was postest du?". Es wird von sogenannten Teamern gestemmt: sechs muslimische Studenten, junge Frauen und Männer. Sie alle leben ihren Glauben auf unterschiedliche Weise. Manche von ihnen halten sich an Gebetszeiten, einige tragen Kopftuch, andere trinken auch mal ein Bier. Nordbruch erzählt, dass sie in den Diskussionen zwar als Projektmitarbeiter auftreten, aber eben auch mit ihrer persönlichen Biografie. Der Islam ist vielfältig, das ist das Signal.

Die Teamer von "Was postest du?" mischen sich ein in Facebook-Diskussionen von Freunden oder in bestehenden Facebook-Gruppen. Sie starten eigene Diskussionen zu verschiedenen Themen. Sie haben den Auftrag, nicht zu belehren, sondern möglichst zu moderieren; die Jugendlichen so zu akzeptieren, wie sie sind, sie aber doch in ihren Ansichten zu irritieren, wenn sie sehr rigide auftreten. Dazu posten die Teamer Statements deutscher muslimischer Theologen, zeigen Videos muslimischer Rapper wie Alpa Gun oder Massiv. Junge erfolgreiche Frauen mit Kopftuch kommen genauso zu Wort wie Lamya Kaddor, eine  Repräsentantin des liberalen Islam.

ufuq.de will keine Idee von der "richtigen Religion" vorgeben, sondern zeigen, wie viele mögliche Meinungen und muslimische Lebensentwürfe es geben kann. Nordbruch weiß, dass er in den Online-Diskussionen eher gebildete Jugendliche erreicht und auch solche, die überhaupt bereit sind, zu diskutieren. Aber er hofft darauf, dass sie später ihre Freunde und Bekannten darin bestärken, ihrer eigenen Meinung zu vertrauen – und nicht den einfachen Wahrheiten der Salafisten.

Ein Projekt von ufuq.de gehört zur "Initiative Demokratie stärken", den ersten Präventionsprojekten gegen Islamismus, die vom Familienministerium gefördert wurden. Das deutsche Jugendinstitut (DJI) hat erste Erfahrungen der Initiative ausgewertet und kommt zu dem Ergebnis, dass Prävention immer zweigleisig sein muss: Einmal muss einer islamistischen Orientierung der Jugendlichen begegnet werden, aber zum anderen auch der Islam-Feindlichkeit der Gesellschaft. Beide schaukeln sich gegenseitig auf. 

Auch deshalb will ufuq.de die Jugendlichen in ihrem Glauben und ihren Zweifeln ernst nehmen. Damit das gelingt, müssen auch Lehrer, Polizisten und Erzieher mehr über die Religion und Sensibilitäten wissen. Nordbruch erzählt, dass gut gemeinte Präventionsprojekte in den Schulen am Anfang schief liefen. In einem Workshop zum Antisemitismus verweigerten sich die muslimischen Jugendlichen, weil sie das Gefühl hatten, wieder einmal pauschal als Juden-Feinde wahrgenommen zu werden. Es lohne sich, so Nordbruch, erst einmal über konkrete Beispiele aus der deutschen Geschichte zu reden, bis man fragen könne: Und was denkst du?