Kein Alkohol, keine Musik, kein Glücksspiel: Selbst ernannte "Scharia-Polizisten" predigen in Wuppertal ihre strengen Regeln – die radikalislamischen Salafisten treten in orangefarbenen Westen auf und patrouillieren nachts durch die Straßen. Die Scharia ist das islamische Recht. Von Salafisten wird es extrem konservativ ausgelegt. Die Politik sucht nach angemessenen Antworten.

Wie groß ist die Salafistenszene in Deutschland?

Das Bundesamt für Verfassungsschutz spricht in seinem Jahresbericht 2013 von 5.500 Salafisten. Vermutlich werden es jetzt mehr als 6.000 sein, etwa zehn Prozent sind Konvertiten. "Der Salafismus bleibt in Deutschland die dynamischste islamistische Bewegung", sagt der Nachrichtendienst. Allein von 2012 bis 2013 wuchs die Szene um 1.000 Personen. Ursache für die steigenden Zahlen sei die "beträchtliche Anziehungskraft, die der Salafismus insbesondere auf junge Menschen, häufig Konvertiten, ausübt". Außerdem wanderten junge Anhänger anderer islamistischer Organisationen verstärkt zu den Salafisten ab. Das Wachstum der Szene scheint demnach auch ein Indiz für einen Umbruch im islamistischen Spektrum zu sein. Vergleichsweise brave Organisationen, wie die türkische Milli Görüs, sind offenbar für junge Muslime, die den radikalen Kick suchen, zu langweilig.

Wo sind ihre Hochburgen?

Brennpunkt ist derzeit vor allem Nordrhein-Westfalen. Fast ein Drittel der salafistischen Szene, 1.800 Personen, hält sich hier auf. In mehreren Städten erregten die frommen Fanatiker Aufsehen, darunter in Wuppertal,  Solingen, Bonn und Dinslaken. Die Patrouillen einer selbst ernannten "Scharia-Polizei" in Wuppertal sind noch ein vergleichsweise harmloses Phänomen. Im Mai 2012 waren Solingen und Bonn Schauplatz salafistischer Krawalle anlässlich provokativer Auftritte der islamfeindlichen, rechtsextremen Kleinpartei "Pro NRW". Aus Dinslaken zog offenbar 2013 ein Trupp Salafisten nach Syrien. Einer der Männer posierte im Februar dieses Jahres auf einem Foto im Internet mit dem Kopf eines enthaupteten Mannes. Das Opfer war mutmaßlich ein Kämpfer einer mit der Terrormiliz "Islamischer Staat", damals noch "Islamischer Staat im Irak und Großsyrien" rivalisierenden Gruppierung.  Außerhalb von Nordrhein-Westfalen gibt es salafistische Milieus vor allem in Berlin, Hamburg und Frankfurt am Main. 

Wie gefährlich sind sie?

Den ersten und bislang einzigen vollendeten islamistischen Anschlag in Deutschland hat ein Salafist verübt. Der aus dem Kosovo stammende Arid Uka erschoss am 2. März 2011 am Flughafen Frankfurt am Main zwei amerikanische Soldaten und verletzte zwei weitere schwer. Bei den Ausschreitungen im Mai 2012 in Solingen und Bonn attackierten Salafisten die Polizei so heftig wie nie zuvor. Zunächst flogen Steine, in Bonn ging dann ein Extremist mit einem Messer auf Beamte los. Zwei Polizisten wurden durch Stiche schwer verletzt. Den Täter Murat K. verurteilte das Landgericht Bonn im Oktober 2012 zu sechs Jahren Haft. Der Vorsitzende Richter bezeichnete den Salafisten als "Prototyp des Fanatikers und brandgefährlich". Weitere Beispiele für lebensgefährdende Kriminalität sind mutmaßlich der nur knapp gescheiterte Bombenanschlag auf den Bahnhof in Bonn und die geplante Ermordung des Vorsitzenden der Partei Pro NRW, Markus Beisicht. 

Wer sind die führenden Köpfe?

Einige der mehr oder minder religiös versierten Prediger und Agitatoren haben deutschlandweit Einfluss auf die Szene. Bekannt ist vor allem der ehemalige Boxer Pierre Vogel, der im Internet und bei öffentlichen Veranstaltungen mit einer lockeren Sprache versucht, junge Muslime in das strenggläubige Milieu zu ziehen. Drahtzieher der "Scharia-Polizei" in Wuppertal ist offenbar Sven Lau, einst Feuerwehrmann und wie Pierre Vogel ein Konvertit. In Mönchengladbach war Sven Lau einer der Wortführer im salafistischen Verein "Einladung zum Paradies". Im Februar sagte Lau dem WDR, er habe im syrischen Bürgerkrieg humanitäre Hilfe geleistet. Kurz darauf wurde Lau festgenommen. Die Staatsanwaltschaft Stuttgart warf ihm vor, er habe im Oktober 2013 einen Deutschen dazu angestiftet, nach Syrien auszureisen und für "dschihadistische Truppen" zu kämpfen. Die Beweise waren aber offenbar dünn, im Mai kam Lau wieder frei und tummelt sich jetzt in Wuppertal.