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Als ich die Bilder des Flüchtlings sah, der gefesselt am Boden liegt und dem ein privater Sicherheitsmann den Stiefel auf den Kopf gedrückt hält, musste ich an Ruslan denken. Was wäre mit ihm geschehen, wenn er so etwas erlebt hätte? Hätte er es überstanden? 

Ruslan ist Tschetschene. Ich habe ihn vor mehr als einem Jahr in einem Abschiebeknast in Polen kennengelernt. Dort saß er mit drei seiner fünf Kinder fest, weil deutsche Behörden der Meinung waren, für seinen Fall sei Polen zuständig, dort war er ja in die Europäische Union eingereist. Also schob man ihn und die drei Kinder ab, "Rückführung" nennen die Behörden freundlich das, was sie an Leid über die Familie brachten: Seine Frau, depressiv, schwanger, nach versuchter "Rückführung" psychisch labil, blieb in einer Psychiatrie in Deutschland, die zwei kleinsten Kinder auch.

Die anderen drei, alle zwischen sechs und elf, wurden eines Morgens von Beamten aufgescheucht, 30 Minuten hatten sie, um ihre Sachen zu packen. Dann wurden sie nach Polen gekarrt. Als ich Ruslan allein im Verhörraum begegnete, hatte er ein breites Kreuz, einen wild wuchernden Vollbart und ich dachte mir: Bitte nicht einer dieser tschetschenischen Bombenleger, die sich mir als Opfer verkaufen wollen.

Das war die erste meiner vielen falschen Annahmen über Ruslan, für die ich mich später schämte. Die zweite folgte kurz darauf: Ruslan durfte den Abschiebeknast verlassen, musste aber seinen erkrankten Sohn ins Krankenhaus bringen. Ich begleitete die Familie, zusammen warteten wir in der Aufnahme, als Ruslan immer näher an mich heranrückte, bis ich mich an die Wand gedrängt fühlte.

Wir verbrachten damals viel Zeit zusammen, Ruslan, seine drei Kinder und ich. Ich lernte, dass er einen Bart hatte, weil er keine Rasierklingen besaß. Dass ihn Religion nicht interessierte (und wenn schon). Dass er fast allen Menschen zu nahe rückte, wenn er mit ihnen sprach, weil er offenbar nur dann das Gefühl hatte, durchzudringen. Dass, wenn die Tür zu irgendeinem Büro in irgendeiner Ausländerbehörde zuging, er anfänglich mit Panik kämpfte; wenn Staatsleute die Tür schließen, das war wohl seine Erfahrung, folgte gefährliche Willkür. Dass er depressiv war und sich nach Kräften um seine Kinder kümmerte, nur reichten diese Kräfte eben nicht immer. Dass er und seine Frau, das konnten wir journalistisch weitestgehend überprüfen, Fürchterliches in Tschetschenien erlebt haben und Ruslan der Gedanke an eine Rückkehr stammeln ließ.

Statt Ruslan hätte ich genauso gut Ramsan oder Aslan kennenlernen können. Die Heime waren voll mit Tschetschenen, so wie sie jetzt voll sind mit Afrikanern, Syrern, Irakern und Serben. Wie so oft bei Flüchtlingen ähneln sich ihre Geschichten, weil das Leid oft die gleichen Schicksale hervorbringt oder aber weil man sehr schnell weiß, mit welchen Geschichten man bei den Behörden am besten durchkommt. Bedrohung und Hoffnungslosigkeit sind in erster Linie ein Gefühl, in zweiter ein Fakt.

Thomas de Maizière sagte in einem Interview mit der ZEIT, dass mit Geld allein die Flüchtlingssituation in Deutschland nicht zu lösen sei; es müsse auch die Bereitschaft der Flüchtlinge geben, am Asylverfahren mitzuwirken, Ausweise vorzuzeigen, die Herkunft anzugeben. Aber wer könnte es  Flüchtlingen verübeln, zu lügen, um der Heimat zu entkommen, nachdem man alles riskiert hat? Zu verhindern, dass man zurück nach Bulgarien, Rumänien, Ungarn oder in die Slowakei gebracht wird, wo die Lebensbedingungen für Flüchtlinge einer Katastrophe gleichkommen und Anträge viel seltener bewilligt werden?

Zu den Misshandlungen fiel de Maizière nicht so viel ein: Die Verantwortlichen müssten zur Rechenschaft gezogen werden. In diesem Fall jedoch sind Täter und Verantwortliche nicht deckungsgleich. Die Täter, das waren offenbar Männer mit rassistischen Tätowierungen, die beschäftigt wurden, weil sie billig waren. Die Verantwortlichen, das sind der Staat und seine Bediensteten, die ihre Schutzpflicht gegenüber den Schwächsten einer Gesellschaft verletzt haben.

Sicher, es ist viel einfacher, über Missstände zu schreiben, als über sie zu entscheiden. Journalisten müssen das Dilemma nicht auflösen, mit dem Behörden jeden Tag kämpfen: Dass sie nicht alle Flüchtlinge aufnehmen können. Dass sie Entscheidungen treffen, über Leben bestimmen und in Kauf nehmen müssen, falsch zu handeln. Aber, das lehrte mich die Begegnung mit Ruslan: Selten scheinen Schicksale und Geschichten so eindeutig, wie sie Behörden gern hätten. Hätten die Medien Ruslans Geschichte damals nicht aufgegriffen, sie wäre wohl anders ausgegangen. Und wenn die Medien die Misshandlungen nicht weiterhin als Skandal benennen, wird sich nichts ändern.

Ruslan ist mit den Kindern mittlerweile zurück in Deutschland, sein Asylverfahren läuft. Manchmal ruft er mich an, er spricht seine ersten deutschen Sätze, im Hintergrund schreit sein kleiner Sohn. Für Ruslan und seine Familie könnte die Geschichte gut ausgehen.