Die Staatsanwaltschaft legt gegen das Urteil und das Strafmaß im Mordprozess gegen Oscar Pistorius Berufung ein. Ein entsprechender Antrag werde beim Gericht eingereicht, erklärte der Sprecher der Anklagebehörde, Nathi Mcnube. Pistorius war in der vergangenen Woche wegen fahrlässiger Tötung seiner Freundin Reeva Steenkamp zu einer fünfjährigen Haftstrafe verurteilt worden. Seine Familie hatte nach der Urteilsverkündung mitgeteilt, Pistorius habe die Entscheidung des Gerichts akzeptiert.

Die Staatsanwaltschaft jedoch hatte zehn Jahre Haft für Pistorius gefordert. Rechtsexperten zufolge könnte Pistorius bei guter Führung bereits nach zehn Monaten Anspruch auf eine Verlegung in den Hausarrest haben. Unmittelbar nach der Bekanntgabe der Haftstrafe am vergangenen Dienstag hatten sich sowohl Anklage als auch Verteidigung einen möglichen Einspruch zunächst vorbehalten. Ohne Berufung wäre das Urteil nach 14 Tagen rechtskräftig geworden.

Bei der Nationalen Strafverfolgungsbehörde (NPA), die im südafrikanischen Rechtssystem über der Anklagevertretung steht, hatte sich nach der Verkündung des Strafmaßes auch die einflussreiche Frauenliga des regierenden Afrikanischen Nationalkongresses (ANC) beschwert. NPA-Sprecher Nathi Mcnube sagte, die Behörde habe in den letzten Tagen rechtliche Fragen geprüft, die sich aus dem Verfahren und dem Urteilsspruch gegen Pistorius ergeben hätten. Staatsanwalt Gerrie Nel und seine Assistentin hätten auf dieser Grundlage begutachtet, ob es hinreichende Argumente gebe, den Fall neu aufzurollen.

Auf Mord steht lebenslängliche Haft

Sollte es zu einer Berufungsverhandlung kommen, könnte der 27-Jährige nach Einschätzung von Strafrechtsexperten möglicherweise doch noch wegen Mordes verurteilt werden. Darauf steht in Südafrika lebenslänglich, was in der üblichen Rechtspraxis des Landes auf 25 Jahre Haft hinausläuft. Ob die Berufung vom zuständigen Gericht zugelassen wird, ist jedoch noch unklar. Auch der Zeitpunkt der offiziellen Beantragung sowie der Entscheidung darüber war zunächst offen.  

Sollte es zu einem Berufungsverfahren kommen, könnte Pistorius beantragen, bis zu einem Urteil erneut auf Kaution in Freiheit zu bleiben. Falls dies zugestanden wird, könnte er das Gefängnis verlassen. Ein Berufungsverfahren kann sich nach Einschätzung von Strafrechtsexperten über zwei oder mehr Jahre erstrecken. 

Pistorius derzeit in Haft

Pistorius hatte Steenkamp im Februar 2013 durch eine geschlossene Toilettentür erschossen. Der südafrikanische Paralympics-Star hatte vor Gericht stets beteuert, er habe hinter der Tür einen Einbrecher vermutet und aus Angst vor diesem geschossen.   

Die Anklage hingegen ging von einem Streit des Paares aus, in dessen Folge Pistorius Steenkamp erschoss. Richterin Thokozile Masipa reichten die Beweise für einen Mord aber nicht aus. Sie befand, Pistorius habe bei seiner Tat grob fahrlässig gehandelt. Der 27-Jährige wurde nach der Verkündung des Urteils in Pretoria umgehend inhaftiert.