Den lieben langen Oktober haben uns die Medien erklärt, warum manche Halloween-Kostüme total okay sind oder extrem rassistisch. Die Poster-Kampagne We’re a Culture Not a Costume weist schon seit 2011 auf letzteres hin. Die Bilder zeigen Menschen, die Minderheiten angehören und Fotos von anderen Menschen in der Hand halten, die ihre Kultur als Kostüm benutzt haben. Diese hatten sich zum Beispiel schwarz angemalt und fette Ketten und Grillz angelegt. Oder sie setzten eine Brille mit aufgemalten Mandelaugen auf und trugen dazu eine Schüssel Reis. Das sind keine Kostüme, das ist Rassismus. Denn hier geht es darum, sich über Asiaten oder schwarze Menschen (danke Google, so ist es korrekt) lustig zu machen. Das Hauptargument gegen das sogenannte Blackfacing ist deshalb auch die historisch bedingte negative Konnotation der Kostüme.

Blackfacing wurde in Deutschland zuletzt als Reaktion auf eine Wetten, dass..?-Saalwette breit diskutiert. In den USA ist das Thema wesentlich präsenter. Im vergangenen Jahr malte sich die amerikanische Sängerin und Schauspielerin Julianne Hough schwarz an, um sich als ihr Lieblingscharakter aus Orange is the New Black zu verkleiden. Momentan schmähen weite Teile des Internets eine deutsche Jugendliche, die einen Cosplay-Blog betreibt und sich als Michonne aus The Walking Dead verkleidet hat – inklusive Farbe und breiter Nase. 

Hier wird es komplizierter. Hilft es wirklich, Menschen zu verbieten, sich als ihr Lieblingsseriencharakter zu verkleiden, weil der eine andere Hautfarbe hat? Macht das die Gräben nicht größer? "Die sehen anders aus, so darfst du dich nicht verkleiden", klingt für mich eher exklusiv.

Aber ich bin nicht schwarz, deswegen ist es für mich nahezu unmöglich, über Blackfacing zu schreiben, ohne irgendwen zu verärgern. Ich schreibe also über meine eigenen Erfahrungen mit der Political Correctness. Als Mensch mit Behinderung (auch korrekt!) werde ich bisher ausschließlich sprachlich damit konfrontiert. Denn das Halloweenköstum "Rain Man" hat sich aufgrund der Ähnlichkeit zum Konkurrenzkostüm "Forrest Gump" nicht durchgesetzt. Darüber hinaus ist es schwer, sich als Autist zu verkleiden, ohne in Stereotype zu verfallen, also genau das zu tun, was We’re a Culture Not a Costume im Hinblick auf Ethnien zu Recht verteufelt. 

Autisten gibt es wirklich, sie sind keine Metaphern

Denn stereotype Verhaltensmuster nachzumachen, ist nicht witzig. Und Stereotype sprachlich zu schaffen und zu festigen auch nicht. Denen, die es dennoch tun, scheint nicht klar zu sein, dass es Autisten tatsächlich gibt. Wir sind weder Fabelwesen noch Metaphern für soziale Totalausfälle. Wir hören dann: "Ja, aber ich meinte euch ja nicht", "ihr habt überhaupt keinen Humor", "die Leute wissen ja, wie ich das meine". Ja, wissen sie. Das ist genau das Problem. "Autist" bewegt sich seit geraumer Zeit weg vom medizinischen Fachbegriff  hin zu einer Metapher für "Arschloch". Das tut uns Autisten weh. Im Gegensatz zum Klischee haben wir nämlich Gefühle. Political Correctness komplett den Rücken zu kehren, kann also nach meiner Erfahrung nicht die Lösung sein.

Andere Menschen, meine Lieblingssorte, reden einfach mit mir und bemühen sich um unmissverständliches Vokabular, machen aber keine Wissenschaft aus der Wortfindung. Manchmal nennen sie mich behindert, manchmal krank, manchmal Frau Linke und ab und zu sogar Denise. Es kommt darauf an, was sie mit ihren Wörtern meinen, in welchem Kontext sie sie verwenden. Es gibt zum Beispiel Leute, die mir vollkommen legitime Fragen mit dem falschen Vokabular stellen: "Wie fühlt es sich mit deiner Krankheit eigentlich an, auf Konzerte zu gehen?" Das sind einfach neugierige Gesprächspartner, die keine Scheu davor haben, etwas zu lernen. Und es gibt Leute, die benutzen das richtige Vokabular und reden kompletten Schwachsinn: "Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung können nicht allein in den Urlaub fahren".

Ganz ehrlich: Wäre ich nicht betroffen, dann wäre ich auch verwirrt. Vor einigen Tagen diskutierten Autisten auf Facebook darüber. Einer sagte der Begriff "Spektrum" sei doof, eine fand, dass "Autistin" zu stempelhaft sei, irgendwer meinte "Mensch mit Autismus" wäre zu schwammig und ein Vierter wünschte sich, dass wir einfach alle Menschen mit Behinderung als "andersartig" beschreiben. Mir geht es nicht um die einzelnen Wörter. Genauso wenig, wie es in meinen Augen um das Anmalen der Gesichter an sich geht, sondern um die Bedeutung des Kostüms.